Experten-Interviews

Ausgabe Juni 04/2016

Unfallprävention: Arbeitssicherheit ist Chefsache

André Meier, Leiter der Abteilung Arbeitssicherheit der Suva, über die Gefahren im Berufsleben und wirksame Präventionsinstrumente.

Von: Wolf-Dietrich Zumach   Teilen  

Wolf-Dietrich Zumach

Wolf-Dietrich Zumach ist nach diversen Führungspositionen in Verlagen seit 2004 selbständiger Berater für Medienunternehmen. Als Entwickler und Ideengeber hat er ein starkes Interesse für innovative Querdenker und Businessideen. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Verlags-Know how und hat seit 2007 für WEKA Business Media schon weit über 100 Fachinterviews im Print-, Audio- und Videoformat durchgeführt und produziert.

Unfallprävention

personalSCHWEIZ: Herr Meier, die Suva ist für viele einfach ein Versi­cherungsunternehmen. Können Sie uns einmal skizzieren, was die Suva darüber hinaus noch alles macht?  

André Meier: Die Suva sagt von sich selber: «Wir sind mehr als eine Versiche­rung.» Denn wir vereinen Prävention, Versicherung und eine ganzheitliche Rehabilitation. Mit den verschiedenen Massnahmen unserer Präventionsarbeit versuchen wir, Arbeits-, aber auch Frei­zeitunfälle sowie Berufskrankheiten zu verhindern. In der Versicherung sind wir mit gesetzlich definierten Kunden eher klassisch unterwegs. Und bei der Reha­bilitation ist unsere Spezialdisziplin die arbeitsorientierte Integration.

Welche Branchen sind in der Schweiz besonders von Arbeitsunfällen betroffen? Oder anders gefragt: Was sind die gefährlichsten Berufe in der Schweiz?

In der Unfallstatistik UVG fällt im Suva-Versichertenbereich das Bauhaupt- und Baunebengewerbe mit relativ hohen Fallrisiken und langen Ausfallzeiten auf. Danach folgt die Branche Transport und Logistik. Spitzenreiter bezogen auf das Fallrisiko ist aber die Forstwirtschaft. Falls man die Fallzahlen von allen Unfallversi­cherern zusammen betrachtet, weist – ziemlich überraschend – die Branche der Organisatoren von Sport- und Frei­zeitveranstaltungen das höchste Berufs­unfallrisiko auf. Damit gemeint sind insbesondere Unternehmen, die Festivals, Kulturanlässe oder Theateraufführungen organisieren. Denken Sie zum Beispiel an den Beruf des Bühnenbauers.

Welches sind die häufigsten Unfall­ursachen?

Die von der Anzahl her häufigste Unfall­ursache mit rund einem Drittel aller Un­fälle ist das Stürzen und das Stolpern auf ebener Fläche, also beispielsweise durch ein Ausrutschen beim Gehen. Betrachtet man die Schwere der Folgen eines Unfalls, so ist das Abstürzen aus der Höhe die ge­fährlichste Unfallursache.

Wie haben sich die Zahlen bei den Berufsunfällen in den letzten Jahren entwickelt?

Bezogen auf die Zahl der Vollbeschäf­tigten sinkt die Anzahl der Berufsunfälle glücklicherweise seit Jahren kontinuierlich, in den letzten Jahren durchschnitt­lich um mehr als ein Prozent pro Jahr. Das sind für uns schöne Erfolge und sicher zu einem grossen Teil unserer Präventionsarbeit zuzuschreiben. Dennoch registrieren wir derzeit in Suva-versicherten Betrieben immer noch knapp 180 000 Berufsunfäl­le pro Jahr. Dies entspricht einem durch­schnittlichen Fallrisiko von rund 88 Fällen pro 1000 Vollbeschäftigte. 2015 verloren gegen 60 Arbeitnehmende ihr Leben bei Berufsunfällen.

«Das Durchsetzen der Arbeitssicherheit verlangt Konsequenz und der Chef muss als Vorbild voran­gehen. Das liegt leider nicht jedem Vorgesetzten.»

Mit Ihrer Kampagne «Vision 250 Le­ben» wollen Sie bis zum Jahr 2020 250 tödliche Berufsunfälle verhindern. Ist das nicht ein wenig ambitioniert?

Die Kampagne wurde 2010 gestartet und läuft bis 2020, das Ziel ist in der Tat ambitioniert. Sollten wir dieses Ziel aber erreichen, und davon sind wir überzeugt, bedeutet das eine Halbierung der tödlichen Berufsunfälle pro Jahr innerhalb von zehn Jahren. Statt der rund 100 tödlichen Berufsunfälle von 2010 hätten wir 2020 also nur noch etwa 50.

Wie wollen Sie dies erreichen?

Unser Ansatz ist der folgende: Zuerst ha­ben wir alle tödlichen und schweren Be­rufsunfälle von 1999 bis 2008 analysiert. Dabei fanden wir immer wieder gleiche Muster bei den Unfallursachen. Zum Beispiel ist im Baubereich einer der häufigsten Ursachen tödlicher und schwerer Unfälle der Absturz, insbesondere der Absturz vom Gerüst, der Absturz bei Schalungsarbeiten und der Sturz in nicht verschlossene Öffnungen im Boden. Aus diesen Mustern haben wir dann nicht nur für das Baugewerbe, sondern auch für viele andere Branchen sogenannte «Le­benswichtige Regeln» geschaffen. Zu­sammen mit den betroffenen Branchen hat man sich auf einige, d.h. maximal zehn, klare und nicht verhandelbare Re­geln geeinigt. Das sind einfache präven­tive Regeln gegen schwere Unfälle, die in der Branche auch akzeptiert sind, weil sie einfach zu verstehen und leicht umsetz­bar sind. In der Baubranche heisst eine Regel zum Beispiel: «Bodenöffnungen unverrückbar verschliessen». Zur Halbzeit des Präventionsprogramms «Vision 250 Leben» haben wir alle tödlich verlaufen­den Arbeitsunfälle der letzten fünf Jahre analysiert und festgestellt, dass bei über 60 Prozent aller dieser Unfälle eine der «Lebenswichtigen Regeln» verletzt wur­de. Daher unser erstes Fazit: Die «Vision 250 Leben» ist realisierbar. Die Suva stellt die wirksamen Präventionsinstrumente zur Verfügung.

Welche weiteren Schwerpunkte haben Sie im Bereich Prävention?

Da in der Schweiz rund 100 Menschen pro Jahr sterben, da sie vor Jahrzehnten Asbeststaub eingeatmet haben, haben wir zu diesem Thema eine weitere lang­fristige Präventionskampagne lanciert, nämlich «Asbest erkennen – richtig han­deln». Seit 1990 gilt in der Schweiz zwar ein Asbestverbot, doch rund 80 Prozent aller Gebäude in der Schweiz wurden vor 1990 gebaut. Deshalb stösst man heute immer noch auf asbesthaltige Werkstof­fe – besonders bei Abbruch-, Umbau- und Renovationsarbeiten. Firmen, die solche Arbeiten ausführen, müssen zum Schutz ihrer Beschäftigten die «Lebenswichti­gen Regeln» für das Arbeiten mit Asbest einhalten. Weitere Schwerpunktthemen unserer Präventionsarbeit sind u.a. «Si­cheres Instandhalten», «Sichere Baustel­le», «Sichere Lehrzeit», «Risikoverhalten Forst», «Sichere Elektrizität».

Welche Präventionsinstrumente setzen Sie dabei ein?

Eines unserer Instrumente sind die er­wähnten «Lebenswichtigen Regeln», die wir zusammen mit den betroffenen Bran­chen erarbeitet haben. Es handelt sich hierbei um direkte Anweisungen für Ar-beitnehmende, direkte Vorgesetzte und Arbeitgeber. Dazu bieten wir Hilfsmittel wie gebrauchsfertige Instruktionsmappen mit Zusatzinformationen für Vorgesetzte oder den Sicherheitsbeauftragten. Damit diese Regeln auch eingehalten werden, haben wir vor gut vier Jahren gemeinsam mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorga­nisationen ein zweites Präventionsinstru-ment lanciert: die Sicherheits-Charta. Mit einer Unterschrift bekunden Unterneh­men, Verbände, Arbeitgeberorganisatio­nen oder Gewerkschaften öffentlich die Absicht, die «Lebenswichtigen Regeln» strikt einzuhalten. Die Kernbotschaft dieser Charta lautet: Stopp bei Gefahr/ Gefahr beheben/Weiterarbeiten. Die Charta ist also eine Art Legitimation für Mitarbeitende oder Vorgesetzte, Stopp zu sagen, wenn eine gefährliche Situation besteht bzw. eine Lebenswichtige Regel nicht eingehalten wird. Damit setzt auch die Geschäftsleitung im Rahmen einer freiwilligen Selbstdeklaration ein starkes Zeichen für die Unfallprävention. Bisher haben bereits knapp 2000 Firmen – vom Kleinbetrieb bis Grossunternehmen – die­se Charta unterzeichnet. Zurzeit kommen jeden Monat fast 100 neue Unterzeichner hinzu.

«Die angelsächsische Sicherheitskultur ist geprägt von einem Null-Unfall-Ziel. Bei uns hört man oft, dass das nicht zu realisieren sei.»

Welches sind die häufigsten Fehler von Arbeitnehmenden im Umgang mit der Arbeitssicherheit?

Die Arbeitnehmenden sind sich den Risi­ken und Gefahren häufig nicht bewusst. Das ist kein Sich-selber-Überschätzen, sondern die Risiken sind einfach nicht präsent. Die Erfahrung zeigt ja, dass im Normalfall nichts passiert. Das kann man auch ganz gut mit dem Strassenverkehr vergleichen: Ich steige in ein Auto ein und denke erst einmal nicht an ein Unfallrisiko. Häufig ist es ja dann auch noch so, dass Arbeitnehmende ihr Kerngeschäft gut und schnell machen wollen. Eine Arbeits­sicherheitsmassnahme wird als Effizienz-bremse erachtet. Der Bauarbeiter will ja in erster Linie ein Haus bauen und nicht eine Absturzsicherung wie beispielsweise einen Seitenschutz aufstellen. Dennoch: In den Suva-versicherten Unternehmen sind rund 2 Millionen Arbeitnehmende beschäftigt und pro Jahr registrieren wir – wie schon erwähnt – knapp 180 000 Arbeitsunfälle. Damit hat im Schnitt rund jeder zehnte Suva-Versicherte einen Be­rufsunfall pro Jahr. Das ist doch ein hoher Anteil.

Und wo liegen die Probleme bei den Arbeitgebern?

Aus Sicht der Arbeitgeber und direkten Vorgesetzten ist es oft ein Problem, dass die Zeit für die Arbeitssicherheit fehlt oder nicht eingeplant wird. So findet zum Beispiel das Instruieren der «Lebenswich­tigen Regeln» nicht statt. Dazu kommt, dass Arbeitssicherheit eine Führungs­aufgabe und deshalb Chefsache ist: Das Durchsetzen der «Lebenswichtigen Re­geln» verlangt Konsequenz und der Chef muss als Vorbild vorangehen. Das liegt leider nicht jedem Vorgesetzten. Hinzu kommt, dass viele Geschäftsleitungen nicht für alle sichtbar die Verantwortung für die Arbeitssicherheit in ihrem Betrieb übernehmen. Dieses deutliche Zeichen ist nicht nur wünschenswert, sondern notwendig. Über die Arbeitssicherheit muss von «ganz oben» kommuniziert werden!

Arbeitsroutine kann tödlich sein und Motivation zur Arbeitssicherheit ist eine Daueraufgabe. Wie halte ich als Vorgesetzter Mitarbeitenden die Ge­fahren ihres Berufes auch über einen längeren Zeitraum im Bewusstsein?

Vorgesetzte sollten immer wieder und regelmässig mit klaren und einfachen Re­geln auf die Arbeitssicherheit hinweisen. Alle Mitarbeitenden sollten diese Regeln kennen. Und natürlich ist es auch ganz wichtig, diese Regeln auch konsequent selbst vorzuleben. Die höchste Stufe in der Präventionsarbeit erreicht man mit sogenannten Sicherheitsgesprächen, in denen Vorgesetzte und Mitarbeitende, aber auch Mitarbeitende untereinander von sich aus bestimmte Sicherheitsaspek­te thematisieren. Dass man sich gegensei­tig auch auf Fehler hinweisen kann und darf, führt zu einer im Betrieb fest ver­ankerten und sich weiter entwickelnden Präventionskultur.

Wo steht denn die Schweiz bezüglich Arbeitssicherheit im Vergleich zu anderen Industrieländern?

In der Schweiz können wir noch eini­ges von den skandinavischen Ländern Europas, aber auch vor allem von den englischsprachigen Industrieländern ler­nen. Dort sind die Sicherheitsstandards und die Pflichten der Betriebe bezüglich Arbeitssicherheit sehr hoch und haben aufgrund behördlicher Vorschriften auch einen ganz anderen Stellenwert. Die angelsächsische Sicherheitskultur ist ge­prägt von einem Null-Unfall-Ziel. Bei uns hört man oft, dass das nicht zu realisieren sei.

Lesen Sie das komplette Interview in der Juni-Ausgabe von personalSCHWEIZ

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Zur Person

André Meier leitet seit August 2012 die rund 110 Mitarbeitende umfassen­de Abteilung Arbeitssicherheit bei der Suva in Luzern. Die Suva ist auf der Grund­lage des Unfallversicherungsgesetzes die grösste Unfallversicherung der Schweiz und versichert rund 123 000 Unterneh­men bzw. 1,97 Millionen Berufstätige gegen die Folgen von Unfällen und Berufs­krankheiten.

www.suva.ch

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