Experten-Interviews

Februar 2021

Neue Arbeitswelt und Corona: «Wir ziehen alle am gleichen Strick»

Die Mitarbeitenden von Spitälern, insbesondere die Pflegerinnen und Pfleger auf den Intensivstationen, sind dem Coronavirus bei ihrer täglichen Arbeit am nächsten. Wir haben mit Mia Meyer, Leiterin HR-Beratung am Universitätsspital Zürich, darüber gesprochen, wie ihre Mitarbeitenden mit der aussergewöhnlichen Situation umgehen und welche Unterstützungsangebote ihnen zur Verfügung stehen. Im Interview erzählt sie ausserdem, wie Covid-19 die HR-Arbeit verändert hat und warum das Unispital auch zukünftig flexible Arbeitsmodelle mit Homeoffice anbieten wird.

Von: Dave Husi  Teilen 

Dave Husi

Dave Husi ist seit Sommer 2019 Chefredaktor von personalSCHWEIZ.
Nach seinem Abschluss in Publizistik hat er bei einem Medien-Startup Gründerluft geschnuppert und war danach bei einem Fachverlag im Medizinbereich journalistisch tätig.

Neue Arbeitswelt und Corona

Frau Meyer, wie geht es Ihnen in dieser aussergewöhnlichen Zeit?
Gut. Mein Alltag hat sich verändert, aber ich habe mich neu eingerichtet und dabei auch viele Chancen entdeckt. So geniesse ich es, meine Kinder häufiger zu sehen und mein Wohnquartier besser kennenzulernen. Ganz in meiner Nähe hat es einen schönen Aussichtspunkt. Vor Corona war ich noch nie am Abend dort. Jetzt ist er das Ziel meiner Nachtvelofahrten, die ich unternehme, wenn ich den ganzen Tag nicht draussen war. Der Blick über die Stadt mit den vielen Lichtern ist fantastisch, und ich kann meinen Arbeitstag mental abschliessen.

Mit welchen Herausforderungen sind Sie aktuell in Ihrer Arbeit als Leiterin HR-Beratung am Universitätsspital konfrontiert?
Die Aufgaben sind vielfältig, und der Tag hat manchmal einfach zu wenig Stunden. Ich befasse mich in erster Linie mit zwei Arbeitsfeldern: Was kann HR tun, um die Mitarbeitenden bestmöglich zu unterstützen, und wie kann ich als Führungsperson ein Umfeld schaffen, damit meine Mitarbeitenden gesund und leistungsfähig bleiben? HR bietet schnell Lösungen in den Arbeitsfeldern an, in denen wir Expertinnen und Experten sind. In Zeiten von Corona sind das zum Beispiel die Suche nach temporärer Unterstützung oder FAQs, die wir für HR-Themen im Zusammenhang mit der Pandemie erstellen. Wir geben aber auch Anregungen zum Führen im Homeoffice oder bieten Austauschformate für Führungskräfte. Im Rahmen unseres Gesundheitsmanagements haben wir zahlreiche Entlastungsmassnahmen für betroffene Abteilungen geschaffen und eine Initiative zum Thema «Wertschätzung» lanciert. Ich fungiere zudem als Bindeglied zwischen USZ-Corona Taskforce, Spitaldirektion und HR-Beratung. So halte ich die Fäden zusammen, informiere, vernetze und unterstütze die Produktentwicklung auch hands-on. Mit meinen Mitarbeitenden bleibe ich auch online im Dialog und kann schnell auf neue Bedürfnisse, Fragen oder Herausforderungen reagieren.

Arbeiten Sie momentan eher vor Ort oder hauptsächlich im Homeoffice?
Ich arbeite mehrheitlich im Homeoffice. Für Besprechungen in einem persönlichen Rahmen fahre ich mit dem Velo zum Spital. Das mache ich, auch wenn die Besprechung manchmal nur eine Stunde dauert. Wenn ich grosse Bildschirme brauche für eine bestimmte Arbeit oder ausnahmsweise eine Unterschrift auf Papier einholen muss, verbringe ich auch mal einen ganzen Tag im Büro.

Im letzten Herbst wurde bekannt, dass Coop seinen Mitarbeitenden Homeoffice nicht gestatten wollte. Als Begründung wurde der Solidaritätsgedanke gegenüber den Verkäuferinnen und Verkäufern, die ihre Arbeit nicht von zu Hause aus erledigen können, ins Feld geführt. Als Spital sind Sie in einer ähnlichen Situation. Wie handhaben Sie das?
Wir sind selbstverständlich für unsere Mitarbeitenden erreichbar und gehen auch zu Hause ans Telefon, führen Gespräche oder leiten Workshops. Bei Bedarf sind wir auch vor Ort. Mit dem Homeoffice tragen wir dazu bei, dass sich weniger Personen anstecken, und damit indirekt, dass weniger hospitalisiert werden müssen. Wir gewährleisten damit zudem, dass wir uns untereinander kaum anstecken, und stellen sicher, dass das Geschäft weiterläuft. Auch die Mitarbeitenden im Homeoffice sind für die Gesamtleistung des USZ mitverantwortlich. Indem wir uns bemühen, gesund zu bleiben und unseren Beitrag zuverlässig von zu Hause aus leisten, nützen wir allen am besten.

Welche Erfahrung hat das Unispital mit Mitarbeitenden im Homeoffice gemacht?
Unsere Erfahrung ist durchwegs positiv. Grossen Aufwind hat unsere Initiative zur Förderung von flexiblen Arbeitsmodellen erhalten, die wir ein paar Monate vor dem Lockdown gestartet hatten. Wir werden auch nach Corona flexible Arbeitsmodelle anbieten. Dazu wird auch Homeoffice zählen. Vorgesetzte, die dem Homeoffice gegenüber eher skeptisch waren, sind erstaunt und positiv überrascht, wie gut die Mitarbeitenden mit ihnen in Kontakt bleiben, ihre Arbeit weiterhin produktiv leisten und das Vertrauen nicht missbrauchen. Selbst in den Kliniken wird diese Arbeitsform mehr und mehr genutzt. Zum Beispiel können Ärztinnen und Ärzte ihre Berichte im Homeoffice schreiben und gewinnen dadurch Flexibilität in der zeitlichen Einteilung dieser Tätigkeit.

Wie geht es Ihren Mitarbeitenden?
Es hängt davon ab, in welchem Bereich die Mitarbeitenden arbeiten. In den von der Pandemie am stärksten betroffenen Bereichen wie Intensiv-, Notfall- oder Covid-Station geht es nicht allen gleich gut. Die Mitarbeitenden arbeiten sehr viel, und die Belastung durch Covid ist überall spürbar. Die gegenseitige Unterstützung ist jedoch gross, und es ist beachtlich, wie viele Ressourcen diese Mitarbeitenden trotz allem aktivieren können. Aber auch in anderen Bereichen des Spitals gibt es immer wieder Peaks an Arbeitsbelastung, die zu Stress führen können. Als zum Beispiel vom einen auf den anderen Tag viele Mitarbeitende das erste Mal ihre Laptops im Homeoffice starteten, war der IT-Support sehr gefordert. Oder das Facility Management, wenn ein wichtiges Produkt wie Desinfektionsmittelspender auf dem Markt knapp wird und schnell eine Lösung gefunden werden muss, um den dringenden Bedarf abzudecken. Die zahlreichen Herausforderungen spornen unsere Mitarbeitenden durchaus auch an. Es gibt solche, die heute bewusst mehr Verantwortung als sonst übernehmen. Sie freuen sich über ihre Erfolge und sind dadurch besonders motiviert. Der zusätzliche Druck und die Unsicherheit können belasten.

Mit welchen Massnahmen können Sie Ihre Mitarbeitenden hier unterstützen?
Am USZ informieren wir oft und sehr transparent via Intranet und regelmässigen Massenmails zu den wichtigen Themen rund um Covid. Die Mitarbeitenden im Homeoffice setzen häufige kurze Conference Calls auf. So tauschen sie sich aus. Die Mitglieder der Spitaldirektion besuchen die Kliniken regelmässig, um sich vor Ort ein Bild machen zu können und auch, um für die Mitarbeitenden nahbar zu sein. Unseren Mitarbeitenden steht Tag und Nacht eine «Covid-Stress-Hotline» zur Verfügung. Häufig können akute Belastungssituationen am Telefon geklärt werden, oder die Mitarbeitenden werden an Fachpersonen weitervermittelt, zum Beispiel an das Gesundheitsmanagement. Die Fachpersonen arbeiten eng mit der Klinischen Ethik, der Seelsorge, dem Qualitätsmanagement und der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik zusammen. Wichtige Rollen spielen auch der Rückhalt im Team und die direkten Führungspersonen. Sie helfen, Druck und Unsicherheit zu meistern und Ressourcen zu aktivieren. Diese gegenseitige Unterstützung läuft in den meisten Teams sehr gut. Die HR-Beratung unterstützt die Führungspersonen mit Anregungen und bei Bedarf situativ.

Wie schützen Sie Ihre Mitarbeitenden vor einer Ansteckung?
Am USZ haben wir klare Regeln, die durch die Fachpersonen der Spitalhygiene aufgestellt wurden und die regelmässig überprüft und angepasst werden. So gilt am Campus bereits seit März 2020 eine generelle Maskentragepflicht, und die Verhaltensregeln wie Händehygiene, Abstand oder regelmässiges Lüften werden strikte eingehalten. Ausserdem berät das Team des Personalärztlichen Diensts und der Spitalhygiene unsere Mitarbeitenden und testet diese zeitnah, wenn nötig, auch ganze Teams.

Schweisst die «Krise» die Mitarbeitenden mehr zusammen?
Es freut mich, zu sehen, wie viel Zusammenhalt und Humor auch in besonders belasteten Abteilungen herrscht. Die interprofessionelle Zusammenarbeit in der «Krise» funktioniert besonders gut, wir ziehen alle am gleichen Strick.

Ganz allgemein: Welchen Einfluss hat Corona auf die Personalarbeit im Unispital Zürich?
Das Tagesgeschäft und die Projektarbeit gehen weiter, einfach «virtueller» als sonst. Hinzu kommen im Zusammenhang mit Corona Projekte und Aufgaben, die besonders schnell bearbeitet werden müssen und eine grosse Sichtbarkeit in der Spitaldirektion haben.

Sind Sie mit einer erhöhten Arbeitsbelastung im HR konfrontiert?
Absolut. So erhalten wir viel mehr Anfragen via das Service Center oder die HR-Business-Partnerinnen und -Partner. Die meisten im Kontext mit Covid. Aufwendig waren die Rekrutierung des temporären Personals und in der ersten Welle die interne Stellenbörse und die damit zusammenhängende Administration. Präsenzschulungen und Events wie die Lehrabschlussprüfung haben wir neu virtuell geplant und durchgeführt. Wir bieten auch Produkte zur Führung im Homeoffice an, die dafür neu erstellt werden mussten. Auch im Bereich des Gesundheitsmanagements haben wir aktuelle massgeschneiderte Angebote.

Damit genügend Platz für die Behandlung von Corona-Patienten vorhanden ist, hat der Bundesrat nichtdringliche medizinische Eingriffe untersagt. Müssen Sie deshalb Kurzarbeit z.B. für Mitarbeitende der ästhetischen Dermatologie beantragen?
Wir haben keine Kurzarbeit beantragt. Elektive Eingriffe wurden in der ersten Welle zwar untersagt, aber wir brauchten zusätzliches Personal in den Covid-Abteilungen. Wir haben also nur vereinzelt Personal nach Hause geschickt. Nach der ersten Welle waren elektive Eingriffe wieder erlaubt. In verschiedenen Abteilungen fehlt deshalb Personal. An einem Universitätsspital gibt es nur wenige Eingriffe, die reine «Wahleingriffe» sind. Transplantationen, bestimmte Krebstherapien oder Eingriffe bei sehr starken Schmerzen können nicht einfach verschoben werden.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Lesen Sie das ganze Gespräch in der aktuellen Printausgabe.

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