Experten-Interviews

Oktober 2019

Nachhaltigkeit und Ethik: «Wettbewerbsorientiertes Handeln ist nicht zwangsläufig unethisch»

Nachhaltigkeit ist nicht erst seit der medial dauerpräsenten Klimadebatte ein Thema, das von der Wirtschaft nicht mehr ignoriert werden kann. Wir haben mit Olmar Albers, Geschäftsführer von öbu, dem Verband für nachhaltiges Wirtschaften, darüber gesprochen, wie er Unternehmungen bei konkreten Massnahmen unterstützt. Im Gespräch verrät er ausserdem, warum sich Nachhaltigkeit und Ethik bestens mit Wirtschaftlichkeit vereinbaren lassen.

Von: Dave Husi  Teilen 

Dave Husi

Dave Husi ist seit Sommer 2019 Chefredaktor von personalSCHWEIZ.
Nach seinem Abschluss in Publizistik hat er bei einem Medien-Startup Gründerluft geschnuppert und war danach bei einem Fachverlag im Medizinbereich journalistisch tätig.

Nachhaltigkeit und Ethik

Sie feiern 2019 das 30-Jahr-Jubiläum von öbu. Wie ist der Verband entstanden?

In den 80er Jahren ist öbu aus der immer noch aktiven St. Galler Studenteninitiative oikos entstanden. Die Professoren Hans Ulrich und Thomas Dyllick, zusammen mit einigen Doktoranden und Studierenden, fanden, die Wirtschaft sei blind auf dem ökologischen Auge. Das wollten sie ändern und haben den Verein Ö.B.U. gegründet, die Schweizerische Vereinigung für ökologisch bewusste Unternehmensführung.

Das Hauptziel von öbu ist, eine verantwortungsvolle Unternehmensführung zu fördern und Nachhaltigkeit als integralen Teil der Unternehmensstrategie zu verankern. Wie gehen Sie dabei vor?

Wir arbeiten auf fünf verschiedenen Ebenen: Wir sensibilisieren Menschen in Unternehmen für ein zukunftsfähiges Wirtschaften und wir fördern spezifische Kompetenzen, damit sie entsprechende Massnahmen umsetzen können. Zusätzlich schaffen wir ein Netzwerk, welches sie hierbei unterstützen kann, und wir versuchen, diese Umsetzung in Unternehmen mittels Arbeitsgruppen und Umsetzungsgruppen ganz konkret voranzutreiben. Ausserdem setzen wir uns zusammen mit anderen Verbänden dafür ein, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen ein zukunftsfähiges Wirtschaften ermöglichen und fördern.

Was sind die aktuellen Handlungsfelder von öbu? Derzeitige Prioritäten?

Wir haben zurzeit sieben Themenbereiche in Bearbeitung: Ressourcenleichte Businessmodelle, wozu unter anderem die Kreislaufwirtschaft gehört, nachhaltige Wertschöpfungsketten, die Nachhaltigkeitsberichterstattung und Integration der Sustainable Development Goals in Unternehmen, der Mensch als Katalysator und Brückenbauer für eine zukunftsfähige Wirtschaft, Biodiversität, Digitalisierung und Nachhaltigkeit sowie erneuerbare Energien. Die Prioritäten wechseln allerdings jährlich: Im Moment fokussieren wir uns auf die ersten vier Themen.

Mit dem «Kompass Nachhaltigkeit» bietet öbu ein Unterstützungsangebot insbesondere auch für kleinere und mittlere Unternehmen – wie funktioniert dies?

Kompass Nachhaltigkeit ist vor allem auf nachhaltige Beschaffung ausgerichtet. Ein Besucher klickt auf den Sektor, an dem Interesse besteht, und fi ndet dort konkrete Handlungsanweisungen und Tipps, wie man ökologischer und sozialer beschaffen kann. Zudem können Unternehmen mithilfe eines kurzen Fragebogens schnell einen ersten Eindruck dazu erhalten, wie nachhaltig ihr Beschaffungsmanagement ist und wo es eventuell Optimierungsbedarf gibt.

«Wir sehen uns nicht als Richter, sondern als Brückenbauer und als Befähiger. Wir versuchen auf unterschiedlichen Ebenen, die Unternehmen zu erreichen, um damit eine Verhaltensänderung zu bewirken.»

Wo soll ein KMU mit Nachhaltigkeit starten? Haben Sie dafür Tipps?

Ob Verwaltungsrat, Management oder Belegschaft, es muss bei allen der Wille da sein. Ob idealistisch oder wirtschaftlich motiviert, das spielt zunächst eine untergeordnete Rolle. Viele Unternehmen fangen mit Randthemen an, sprich: Plastik im Unternehmen zu reduzieren oder weniger zu drucken. Dies mag ein guter Einstieg sein. Viel relevanter wird es jedoch, wenn sich das Unternehmen sein Kerngeschäft anschaut: Bei energieintensiven Unternehmen wäre zum Beispiel der Fokus auf erneuerbare Energien oder Energiereduktion zu legen. Das spart auch noch Geld. Bei verkaufsintensiven Geschäftsmodellen könnte es darum gehen, die Diversität der Belegschaft sicherzustellen. Diverse Teams arbeiten nicht nur erwiesenermassen erfolgreicher, man kann dadurch auch die Wirkung des Unternehmens in verschiedenen sozialen Gruppen steigern. Bei wasserintensiven Produktionsprozessen sollte der Wasserkreislauf möglichst geschlossen werden; dies spart ebenfalls Geld usw. Ich will damit vor allem zwei wichtige Punkte deutlich machen: Erstens, nachhaltiges Wirtschaften ist eine Chance, das eigene Geschäft zu verbessern und damit zukunftsfähiger zu werden. Wirtschaftliche, soziale und ökologische Themen werden immer mehr miteinander verfl ochten. Was dazu führt, dass, zweitens, wenn ein Unternehmen zukunftsfähig sein möchte, es weitaus erfolgversprechender ist, wenn es dies in seinen Kernprozessen verankert. Bei allem Idealismus, ein Unternehmen ist ein Unternehmen und kein Wohltätigkeitsverein. Das heisst, nur wenn ich das Soziale und Ökologische sinnvoll mit dem wirtschaftlichen Kern verbinde, komme ich meiner unternehmerischen und gesellschaftlichen Verantwortung nach.

Nachhaltigkeit wird vermehrt in Gesetzen verankert – was macht öbu dafür?

Fördernde Rahmenbedingungen sind für das nachhaltige Wirtschaften sehr wichtig. Freiwilligkeit reicht nicht immer, um grössere Verhaltensänderungen bei Unternehmen – oder Privatpersonen – zu bewirken. Ein externer Anschub kann hilfreich sein. Zudem schafft eine Gesetzgebung Planungssicherheit, weil alle wissen, woran sie sich halten müssen. Sämtliche Akteure müssen die gleichen Spielregeln befolgen –, ganz im Sinne eines «level playing fi elds» – und Unternehmen sind eher angehalten in die Zukunft zu investieren. öbu setzt sich zum Beispiel für den Gegenvorschlag der Konzernverantwortungsinitiative ein und unterstützt aktiv die Bemühungen, das Pariser Abkommen zu netto-null Treibhausgasemissionen bis 2050 in der Schweiz umsetzen zu lassen. Dazu unterstützen wir u.a. die Gletscherinitiative und planen weitere Aktionen zusammen mit unserem Partnerverband swisscleantech.

öbu ist sozial und ökologisch orientiert. Auf welche ethischen Grundsätze legen Sie besonderen Wert?

Unser gesamtes Handeln ist darauf ausgerichtet, dass wir unseren Planeten für unsere Nachfahren lebenswert hinterlassen, nicht nur für den Menschen, sondern für alle Lebewesen. Eine Art in die Zukunft gezogene Kombination des Fürsorge-, Gerechtigkeits- und «do no harm»-Prinzips. Auch sozialer Wohlstand für alle ist uns sehr wichtig – im Sinne des Gerechtigkeits- und Menschenwürdeprinzips. Für uns spielt aber auch die unternehmerische Freiheit innerhalb der oben beschriebenen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. Ich denke hier an das Autonomieprinzip in der Gesellschaft und dem ökonomischen Raum.

Warum ist ethisches Handeln wichtig?

Wenn man davon überzeugt ist, dass unser Planet einen Raum für alle bieten soll, dann muss ich mich dementsprechend verhalten. Ethisches Handeln, nach den erwähnten Grundsätzen, schafft einen Rahmen, innerhalb dessen ich mich bewegen kann und an dem ich mein Verhalten auch spiegeln kann. Es gibt Halt, ohne unbedingt stark ideologisch geprägt zu sein. Eine Ideologie grenzt oft ab, ethische Grundsätze beziehen sich auf mein Handeln und schaffen dadurch Platz sowohl für das Individuum als auch für die Gemeinschaft. Kurzum, sie schaffen eine Freiheit im Ganzen.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Lesen Sie das ganze Gespräch in der aktuellen Printausgabe.

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