- Fachmagazin
- Experten-Interviews
- Lernkultur im Spital: «Die Fähigkeit, kontinuierlich voneinander zu lernen»
Experten-Interviews
Lernkultur im Spital: «Die Fähigkeit, kontinuierlich voneinander zu lernen»
Herr Batarelo, Lernen ist zum ständigen Begleiter im Beruf geworden. Welchen Skill haben Sie zuletzt gelernt?
Ich lerne nach wie vor täglich etwas Neues hinzu. Auch wenn mir gewisse Themenstellungen oder Projekte im Laufe der Karriere immer wieder begegnen, sind die Rahmenbedingungen und Umstände dennoch stets unterschiedlich, sodass diese jedes Mal eine andere Vorgehensweise abverlangen.
Für mich bedeutet es deshalb aktuell, nicht nur neue Skills dazuzulernen, sondern auch die vorhandenen Skills immer wieder aufs Neue zu kombinieren und auf den Prüfstand zu stellen. Ich finde dies enorm spannend und herausfordernd zugleich.
Das USB beschreibt sich als Universitätsspital mit Forschung und Innovation. Wie beeinflusst dieser universitäre Auftrag die Lern- und Führungskultur?
Der universitäre Auftrag prägt unsere Kultur und unser Verständnis im Umgang mit Lernen als fester Bestandteil der persönlichen Entwicklung stark. Gerade Forschung bedingt ja, die bestehenden Erkenntnisse laufend zu hinterfragen und Neues zu entwickeln. Diese Haltung wirkt bei uns weit über die Wissenschaft hinaus. Lernen ist deshalb in unserem Verständnis kein gesonderter Prozess, sondern fester Bestandteil der täglichen Arbeit.
Dies wirkt sich natürlich auch auf die Führungskultur aus. Unser Anspruch an die Führung ist es, die Neugier, die Reflexion und den Wissensaustausch aktiv zu fördern. Gute Führungskräfte müssen in der heutigen Zeit nicht alle Antworten auf die immer komplexeren Fragestellungen kennen. Viel wichtiger ist es, dass sie Rahmenbedingungen schaffen, damit die Teams voneinander lernen, neue Ideen ausprobieren und Erfahrungen offen mit anderen teilen können. Gerade unser Dreifachauftrag aus Grundversorgung, Lehre und Forschung macht das USB zu einem Umfeld, in dem kontinuierliche Entwicklung jedes Einzelnen wie auch der Gesamtorganisation eine Grundvoraussetzung ist.
Mehr als 800 Auszubildende und Studierende lernen und arbeiten im #TeamUSB. Was bedeutet diese Ausbildungsrolle für die Personalentwicklung?
Die Ausbildung von jungen Menschen gehört zu einer der wichtigsten Aufgaben einer Gesundheitsinstitution. Wir als Organisation profitieren stark davon. Nicht nur, indem wir damit eine wichtige Grundlage für die langfristige Fachkräftesicherung schaffen, was in Zeiten des Fachkräftemangels essenziell sein kann.
Die Ausbildung kann darüber hinaus auch als Motor für die kontinuierliche Weiterentwicklung der Gesamtorganisation dienen. Eine Organisation, die Fachkräfte ausbildet, bleibt selbst lernfähig. Ausbildungsverantwortliche beispielsweise reflektieren durch das Engagement in der Ausbildung ihre Arbeit, erklären Zusammenhänge, betreuen und beraten Lernende und Studierende während der anspruchsvollen Ausbildungszeit. Dadurch entwickeln sie gleichzeitig auch ihre fachlichen und pädagogischen Kompetenzen stets weiter.
Wie gelingt Lernen in einem Arbeitsumfeld, in dem der Betrieb rund um die Uhr läuft und viele Mitarbeitende stark belastet sind?
Der Fokus auf die Patientenarbeit und die Hektik des Alltags eines Akutspitals sind natürlich auch bei uns allgegenwärtig. Lernen darf deshalb nicht als zusätzliche Belastung wahrgenommen werden. Wir versuchen deshalb, Lernmöglichkeiten in den Arbeitsalltag zu integrieren. Kurze Lerneinheiten, digitale Formate, strukturierte Fallbesprechungen oder Lernsequenzen direkt im Team können dabei wirksamer als mehrtägige Seminare ausserhalb des Betriebs sein.
Wir müssen uns dennoch gleichzeitig darauf committen, dass auch Lernen Priorität benötigt. Wenn wir als Organisation sagen, dass kontinuierliche Entwicklung wichtig ist, müssen wir auch bereit sein, dafür Zeit und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Gerade in einem Spital ist dies eine wichtige Investition in Qualität, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit.
Welche Lernformate funktionieren in einem Spital besonders gut – etwa Simulationen, E-Learning, Peer Learning oder interprofessionelle Trainings?
Es kommt neben der organisatorischen Rahmenbedingung auch auf die Themenstellung sowie auf die Zielsetzung der jeweiligen Lerneinheiten oder Programme und darauf an, welches Lernformat am zielführendsten ist.
Erfolgreich sind vor allem diejenigen Formate, welche einen direkten Bezug zur Praxis haben. Besonders im medizinischen Bereich ermöglichen die Simulationstrainings, dass komplexe oder kritische Situationen realitätsnah trainiert werden können. So findet beispielsweise die assistenzärztliche Ausbildung zum grössten Teil in praxisnahen Formaten wie begleiteten Visiten, Fallbesprechungen oder Bedside Teachings statt.
Interprofessionelle Trainings fördern hingegen das Verständnis für die Perspektiven anderer Berufsgruppen, was im Spitalumfeld von grosser Bedeutung ist.
Grosses Potenzial hat aus meiner persönlichen Sicht das digitale Lernen. In Zeiten der knappen Ressourcen, der Schnelllebigkeit und des kontinuierlichen Wandels kann dadurch die notwendige Flexibilität geschaffen, eine hohe Verfügbarkeit sichergestellt und Standards bei Wissensvermittlung unterstützt werden.
Die grösste Wirkung entsteht wohl immer durch eine Kombination verschiedener Lernformate, die sich idealerweise gegenseitig ergänzen.
Welche Kompetenzen braucht es, damit interprofessionelle Zusammenarbeit im Alltag tatsächlich gelebt wird?
Eine etablierte und gelebte interprofessionelle Zusammenarbeit benötigt einerseits Strukturen und Rahmenbedingungen, welche diese unterstützt. So werden beispielsweise unsere Departemente seit 2021 in interprofessionellen Teams – ärztlich, pflegerisch und betriebswirtschaftlich – geführt.
Andererseits kann die interprofessionelle Zusammenarbeit nur dort nachhaltig gedeihen, wo Menschen Vertrauen aufbauen, gemeinsame Ziele verfolgen und die gegenseitige Expertise wertschätzen. Neben der fachlichen Kompetenz sind vor allem gute Kommunikation und soziale Fähigkeiten dabei entscheidend. Es braucht die Fähigkeit, zuzuhören, sowie den Willen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und sich mit Meinungsverschiedenheiten auseinanderzusetzen. Gegenseitiger Respekt sollte dabei selbstverständlich sein.
ZUR PERSON
Igor Batarelo (52) ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern und in der Region Basel wohnhaft. Seit 2023 arbeitet er am Universitätsspital Basel, aktuell in der Funktion des Leiters HR Strategie und Entwicklung sowie des stellvertretenden Direktors Personal. Er verfügt über langjährige Erfahrung in Human Resources und war nach Abschluss seiner betriebswirtschaftlichen Ausbildung in unterschiedlichen Branchen wie unter anderem Retail, Versicherung und Gesundheitswesen tätig. Er begleitete dabei mehrere Transformationen und Integrationen und verantwortete Konzeption sowie Etablierung der HR-Dienstleistungsmodelle in diversen Unternehmen. HR versteht er als businessnahe, gestaltende und strategisch agierende Funktion im Unternehmen.
- Fachmagazin
- Experten-Interviews
- Lernkultur im Spital: «Die Fähigkeit, kontinuierlich voneinander zu lernen»
