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Experten-Interviews
Künstliche Intelligenz in HR, Unternehmen und Arbeitswelt: «Denken ist wie ChatGPT, nur krasser!»
Roger Basler de Roca (fotografiert von JONAS WEIBEL PHOTOGRAPHY)
Wie ist KI zu Ihrem Thema geworden?
KI ist für mich kein Trend, sondern eine logische Weiterentwicklung meiner ersten Liebe: Die war mit einem 386 IBM Computer, und bei IBM durfte ich vor über 28 Jahren auch anfangen zu arbeiten. Ich habe mich früh mit IT, Algorithmen, Automatisierung und datenbasierten Entscheidungsmodellen beschäftigt – immer mit derselben Leitfrage: Wie können uns Muster helfen, besser und klarer zu denken?
Meine Jahre im Ausland, insbesondere in China und Nordamerika, haben mir dann aber gezeigt, wie unterschiedlich Gesellschaften mit Technologie umgehen. Dort wurde experimentiert, hier wird oft zuerst noch zigmal diskutiert. Diese Differenz hat meinen Blick geschärft.
Spätestens mit dem Durchbruch 2020 bis 2022 von generativer KI war klar: KI ist keine IT-Frage mehr – sie ist eine Denksportaufgabe mit Verantwortung. Und genau dort positioniere ich mich heute.
Was fasziniert Sie an KI – und was irritiert Sie persönlich?
Mich fasziniert die Struktur und Disziplin, die KI verlangt. Wer mit KI arbeitet, muss klar denken, sauber formulieren und Verantwortung übernehmen. Schlechte Fragen liefern schlechte Antworten, das ist gnadenlos ehrlich und manchmal auch frustrierend, aber sehr klärend.
Was mich momentan irritiert, ist der Hype. KI wird oft eingesetzt, bevor überhaupt klar ist, welches Problem sie lösen soll. Ich sag immer: KI löst nicht deine Digitalisierungsprobleme, die du in den letzten Jahren nicht angegangen bist.
Besonders kritisch sehe ich die Tendenz, Verantwortung auszulagern. KI darf unterstützen – aber sie darf niemals dort entscheiden, wo Haltung gefragt ist.
Welche Entwicklungen im KI-Bereich bewegen Sie aktuell am meisten?
KI verschwindet zunehmend im Hintergrund, ich sage oft «heute KI, morgen Software». KI wird Teil der Infrastruktur, nicht mehr sichtbares Werkzeug. Das ist ein Zeichen von Reife.
Multimodale Systeme verbinden Text, Sprache, Bild und Daten. Wissensarbeit wird dadurch schneller – aber auch anspruchsvoller. Gleichzeitig rücken Governance, Haftung und Transparenz ins Zentrum. Das ist notwendig, um Vertrauen zu sichern.
Besonders spannend finde ich den Trend zu kleineren, spezialisierten Modellen. Nicht jedes Unternehmen braucht die grösste KI – oft reicht eine fokussierte Lösung, die genau auf den Anwendungsfall zugeschnitten ist. Das macht KI auch für KMU zugänglicher und wirtschaftlicher.
Welche Auswirkungen haben diese Trends konkret auf die Arbeitswelt?
Routinearbeit nimmt ab, Denk- und Urteilsarbeit nimmt zu. In diesem Zusammenhang erwähne ich im Gespräch manchmal etwas provokant: «Denken ist wie ChatGPT, nur krasser!» Wir Menschen müssen mehr einordnen, bewerten und entscheiden. Produktivität wird weniger von Fleiss bestimmt, mehr von Denkqualität. Wer KI souverän nutzt, verschafft sich Freiraum – für das, was wirklich zählt. Das verlangt neue Kompetenzen. Und mutige Führung, die einbezieht und nicht nur abgibt.
Und doch passiert oft das Gegenteil: Menschen werden bequem und delegieren die Denkarbeit an Chatbots. Verlernen wir gerade das eigene Denken?
Das ist eine berechtigte Sorge. Aber ich sehe es differenzierter: Wir verlernen nicht das Denken – wir lagern Routinen aus. Das Problem entsteht nur, wenn wir nicht mehr unterscheiden können zwischen dem, was delegierbar ist, und dem, was unsere eigene Urteilskraft braucht. KI kann Informationen aufbereiten, aber sie kann nicht bewerten, ob diese Informationen relevant, ethisch vertretbar oder im Kontext sinnvoll sind. Diese Unterscheidungskompetenz müssen wir aktiv trainieren. Deshalb ist es so wichtig, dass wir KI bewusst einsetzen – als Werkzeug, nicht als Ersatz für eigenes Denken.
Wo steht die Schweiz im internationalen KI-Vergleich?
Die Schweiz hat exzellente Voraussetzungen: starke Forschungsinstitutionen wie ETH und EPFL, hohe Datenqualität und einen stabilen Rechtsrahmen. Aber wir sind zu zögerlich in der Umsetzung. Während China und die USA experimentieren und skalieren, diskutieren wir noch. Das ist einerseits gut – wir vermeiden Schnellschüsse. Andererseits verpassen wir Chancen. Was uns fehlt, ist Mut zur europäischen Souveränität. Wir brauchen mehr eigene KI-Modelle, mehr lokale Lösungen und weniger Abhängigkeit von den grossen Tech-Konzernen. Die Schweiz könnte hier eine Vorreiterrolle einnehmen – wenn sie es will.
In welchen HR-Bereichen sehen Sie heute den stärksten Mehrwert von KI?
Der grösste Hebel liegt dort, wo HR Zeit verliert: Administration, Datenselektion, Datenanalyse. KI kann HR entlasten, damit es sich wieder auf das konzentrieren kann, wofür es eigentlich da ist – Menschen. HR gewinnt nicht an Einfluss durch Daten, sondern durch bessere Entscheidungen. Aber dafür braucht es Ruhe. Wer Ruhe hat, bekommt Klarheit – und Klarheit bringt Wirkung.
Welche Fehler begegnen Ihnen häufig beim KI-Einsatz im Recruiting?
Drei Klassiker: Automatisierung ohne Reflexion. Intransparenz gegenüber Kandidat*innen. Und der Irrglaube, dass Technologie schlechte Prozesse kompensiert. Tut sie nicht.
Ein konkretes Beispiel: Ein Unternehmen setzt KI ein, um Bewerbungen vorzusortieren – aber die Kandidat*innen erfahren nicht, dass ihre Unterlagen algorithmisch bewertet werden. Das untergräbt Vertrauen. Oder: KI wird genutzt, um «objektive» Entscheidungen zu treffen, aber niemand prüft, ob die Trainingsdaten nicht bereits Vorurteile enthalten. Dann reproduziert die KI diese Vorurteile einfach systematisch. Das Schlimmste ist aber, wenn KI als Alibi dient: «Die KI hat es so entschieden» – und damit wird Verantwortung ausgelagert. Das ist nicht nur problematisch, sondern in vielen Fällen auch rechtlich unzulässig.
Sie beraten viele KMU: Mit welchen Fragen kommen diese Unternehmen auf Sie zu?
KMU fragen nach Tools – aber was sie wirklich suchen, ist Orientierung. Sie wollen wissen, was sinnvoll, verantwortungsvoll und realistisch ist. Meine Aufgabe ist es, Komplexität zu reduzieren und Souveränität aufzubauen…
ZUR PERSON
Roger Basler de Roca ist Betriebsökonom FH, Msc Digital Business und Digitalunternehmer. Seit 25 Jahren in der IT unterwegs, begleitet er lokale und internationale Unternehmen und Entscheider: innen bei der verantwortungsvollen Nutzung künstlicher Intelligenz. Er lebte und arbeitete unter anderem in China, Deutschland, Holland, den USA und Kanada. Heute ist er als Berater, Dozent und Keynote-Speaker tätig.
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