Experten-Interviews

Juli-August 2020

Expats in der Schweiz und Entsendung: «Wir sind auf ausländische Mitarbeitende angewiesen»

Expats werden von global tätigen Unternehmen als Spezialisten oder als erfahrene Führungskräfte dorthin entsandt, wo sie dringend benötigt werden — zum Beispiel in die Schweiz. Wir haben mit Pascale Lenz, Personalleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung von IBM Schweiz, über ihre Erfahrung mit den «eigenen» Expats im Technologiekonzern gesprochen. Welche Skills bei entsandten Mitarbeitenden besonders gefragt sind und wie die Zusammenarbeit trotz kultureller Eigenheiten funktioniert, verrät sie im Interview.

Von: Dave Husi  Teilen 

Dave Husi

Dave Husi ist seit Sommer 2019 Chefredaktor von personalSCHWEIZ.
Nach seinem Abschluss in Publizistik hat er bei einem Medien-Startup Gründerluft geschnuppert und war danach bei einem Fachverlag im Medizinbereich journalistisch tätig.

Expats in der Schweiz und Entsendung

Frau Lenz, Sie sind seit 1995 bei IBM und haben in dieser Zeit diverse Managementfunktionen übernommen, unter anderem auch als Leiterin des Industry Solutions Lab bei IBM Research. Wie sind Sie schliesslich zum HR gekommen?
Während meiner Zeit bei IBM hatte ich die Möglichkeit, viele verschiedene Abteilungen kennenzulernen, sowohl als Professional wie auch in Management-Positionen. Nach dem IBM Forschungslabor, einer Zeit, die extrem spannend war, habe ich mir überlegt, wie mein nächster Karriere schritt aussehen könnte. Als Manager bei IBM habe ich schon immer sehr viel HR gemacht, und mir hat der Austausch mit den Menschen in allen Schattierungen immer sehr gut gefallen. Auch dazumal war ich überzeugt, dass ein gutes HR-Management das A&O einer Firma ist und dass HR das Business unterstützen muss und keine in sich selber gerichtete Organisation sein soll. Durch meine Erfahrungen in den verschiedenen Positionen war ich davon überzeugt, dass HR mit all seinen Herausforderungen der richtige Beruf für mich ist. Zum Glück konnte ich dann in die HR Abteilung der IBM Schweiz wechseln, und ich bereue diesen Schritt bis heute nicht. Das Thema Expats ist für mich auch sehr spannend. Ich lebe zusammen mit einem Expat, und ich habe somit «hands-on»-Erfahrungen, wie das Thema in der IBM, aber auch privat in der Schweiz gehandhabt wird.

Was gefällt Ihnen am besten an Ihrer Funktion als Personalleiterin?
Mir gefällt nach wie vor die Vielfalt an Menschen, mit denen ich arbeite, und auch die tägliche Herausforderung, HR mit dem Business zu verknüpfen. Heutzutage muss das HR-Management mehr denn je die Geschäftsstrategie unterstützen, damit die Firma auch in Zukunft bestens gewappnet ist. Hier denke ich vor allem an Talente, welche Skills sie haben und welche Skills sie benötigen, um in der Zukunft erfolgreich zu sein. Wir unterstützen unsere Mitarbeitenden dabei mit einer eigenen Online-Lernplattform, deren Inhalte von Design Thinking bis Quantencomputer reichen.

Welche HR-Projekte stehen momentan bei IBM Schweiz im Fokus?
Zurzeit sind wir mit den Auswirkungen von COVID-19 beschäftigt und planen gerade, wie und in welchen Schritten wir die Mitarbeitenden wieder ins Büro zurückholen. Natürlich geht das Geschäft auch in einem unserer wichtigsten HRThemen weiter. Wir sind bei der Lancierung eines neuen Karriereportals – eine personalisierte und evidenzbasierte Skills- und Karriere-Plattform, die es jedem Mitarbeitenden ermöglicht, die eigenen Skills und die berufliche Entwicklung bei IBM selbstständig zu steuern und zu managen. Mithilfe von künstlicher Intelligenz können Skills und Expertise in Echtzeit ermittelt werden, und jeder Mitarbeitende kann feststellen, in welchem Bereich die eigenen Skills ausgebaut werden können. Darüber hinaus werden automatisch interne Stellenangebote empfohlen, die auf die vorhandenen Fähigkeiten und zukünftigen Karrierewünsche passen. Den Managern bietet dieses Tool wertvolle Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen für ihre Mitarbeitenden und hilft, Entscheidungen zu treffen und mit den Mitarbeitenden gezielte und transparente Mitarbeitergespräche zu führen. IBM beschäftigt als internationaler Konzern Mitarbeitende auf der ganzen Welt.

Was sind die Hauptgründe für die Entsendung von Mitarbeitenden zu IBM Schweiz?
Um unser Geschäft auf einem hohen Standard zu betreiben, brauchen wir gut ausgebildete Mitarbeitende mit dem richtigen Skillset für alle unsere Geschäftsfelder und unsere Kundenprojekte. Somit treibt die Nachfrage nach speziellen Skills bei uns das Entsendungsgeschäft.

Aus welchen Regionen werden die meisten Mitarbeitenden in die Schweiz entsandt?
Wir haben aktuell entsandte Mitarbeitende aus 15 Nationen. Zurzeit sehen wir einen Schwerpunkt bei Talenten aus Indien, Polen und Tschechien.

Benötigen Sie für bestimmte Geschäfts sparten besonders viele Experten aus dem Ausland?
Wir benötigen sie für alle unsere Geschäftsfelder und Kundenprojekte. Hier kommt es eher darauf an, was für ein Skill für ein bestimmtes Projekt gesucht wird.

Welches sind denn besonders gefragte Skills, die Expats zu IBM Schweiz mitbringen?
In den grossen Innovations- und Digitalisierungsprojekten sind speziell die Skills in den Bereichen Cloud, Security, Blockchain und künstliche Intelligenz gefragt.

Können Sie durch den Einsatz von Expats auch ein Stück weit dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegenwirken?
Ja, wir sind auf die ausländischen Ressourcen angewiesen, um auf dem Schweizer Markt erfolgreich zu sein. Leider sind die Skills speziell in den genannten Bereichen nicht leicht zu finden.

Kürzlich gab es in den Medien Berichte über Expats, die sich in der Schweiz nicht wohl respektive nicht willkommen fühlen. Deckt sich das mit den Erfahrungen «Ihrer» Expats bei IBM?
Nein, das kann ich nicht bestätigen. Ich denke auch, die Personen, die gern in anderen Ländern arbeiten, bereiten sich auch dementsprechend vor und sind selbst offen, neue Erfahrungen zu machen.

Wie lange dauert es durchschnittlich, bis sich Expats im Job und am neuen Wohnort eingelebt haben?
Dies ist schwer abzuschätzen. Ich habe noch nie davon gehört, dass jemand Mühe hat, sich in der Schweiz einzuleben. Sie merken aber schnell, dass die Landessprache immens wichtig ist für eine rasche Integration in der Schweiz.

Wird Deutsch oder insbesondere Schweizerdeutsch als schwierig zu lernen wahrgenommen?
Es ist für die Ausländer schwierig, zu unterscheiden, was Deutsch und was Schweizerdeutsch ist. Wenn sie Schweizerdeutsch lernen, verstehen sie das Deutsch nicht gut genug oder umgekehrt. Sie wissen manchmal gar nicht, was besser ist. Sollen sie zuerst Deutsch lernen oder Schweizerdeutsch?

Wird bei IBM Schweiz in gewissen Abteilungen oder generell mehrheitlich Englisch gesprochen?
In der IBM Schweiz wird mehrheitlich in der Landessprache der Niederlassung gesprochen. Zum Beispiel in Genf Französisch, im Tessin Italienisch und in Zürich Deutsch. Jeder Mitarbeitende muss aber englisch reden, wenn wir Personen haben, die der jeweiligen Landessprache nicht mächtig sind. Das gehört zu einem höflichen Umgang miteinander selbstverständlich dazu.

Was schätzen die Expats bei IBM besonders an der Schweiz?
Sie schätzen die Lebensqualität, die Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel und auch, dass die Zusammenarbeit mit den Behörden reibungslos funktioniert.

Was gefällt ihnen weniger gut?
Zeitungen bündeln (lacht). Es ist eher ungewohnt, dass wir die Zeitungen gebündelt an den Strassenrand stellen oder auch den Abfall sortieren. Manchmal sind wir anscheinend auch zu pünktlich.

Wie läuft der Onboarding-Prozess für aus dem Ausland entsandte Mitarbeitende ab?
Die IBM hat einen weltweiten Prozess, natürlich angepasst an die Schweizer Gegebenheiten, um die Entsendung für die Mitarbeitenden so reibungslos wie möglich zu gestalten.

Können Sie diesen Prozess an einem Beispiel illustrieren?
Wenn ein Mitarbeitender in die Schweiz entsandt wird, muss entweder sein jetziger Manager oder sein neuer Manager online ein Formular mit allen Daten ausfüllen, die für einen solchen Transfer nötig sind. Hier wird auch festgelegt, welche Art von Entsendung es ist. Dies kann ein Assignment sein, bei dem die Kosten übernommen werden, oder eine Entsendung, bei welcher der Mitarbeitende in der Schweiz angestellt wird. Auch gilt es zu entscheiden, ob die Familie mitkommt oder nicht. Dieses Formular gelangt dann an die richtigen Stellen, damit überprüft werden kann, ob das Salär an die Schweizer Salärhöhe angepasst werden muss oder nicht. Zudem müssen die Arbeitsbewilligung und die Unterstützung für die Steuern organisiert werden.

Unterstützt IBM Schweiz die Expats auch bei den organisatorischen Aspekten ausserhalb der eigentlichen Arbeit? Beispielsweise bei der Wohnungssuche?
Nein, wir sehen dies in der Verantwortung der Expats.

Damit sich Expats am neuen Ort wohlfühlen, gehört auch das soziale Umfeld dazu. Bieten Sie in diesem Bereich Unterstützung an?
Wir haben bei uns im Haus verschiedene Möglichkeiten, wo Expats sich engagieren können. Der IBM Club bietet mit seinen Untersektionen etwa Segeln, Schach, Fussball, Wochenendexkursionen, Sprachkurse und vieles mehr an. Wir haben auch ein Fitness-Center im Haus und verschiedene Sportangebote. Dies sind gute Möglichkeiten, sich mit anderen IBMern zu treffen. Zudem werden unsere Mitarbeitenden als sehr freundlich wahrgenommen, es wird einem geholfen, wenn man Fragen zu einem Behördenweg hat oder sonst Hilfe braucht.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Lesen Sie das ganze Gespräch in der aktuellen Printausgabe.

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