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Experten-Interviews
BGM, psychische Gesundheit und Resilienz: «Prävention zahlt sich aus»

Frau Swoboda, die Hauptaufgabe von Gesundheitsförderung Schweiz ist es, die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung zu stärken und zu erhalten. Was bedeutet «Gesundheit» für Sie?
Eine weithin bekannte Definition von «Gesundheit» ist diejenige der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie definiert Gesundheit als «Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen» (WHO, 1986). Damit wird die Gesundheit sowohl positiv als auch mehrdimensional bestimmt. Bei Gesundheitsförderung Schweiz arbeiten wir mit der Salutogenese, der Lehre von der Gesundheitsentstehung; sie stellt die Gesundheit und nicht die Krankheit ins Zentrum. Aus dieser Perspektive ist nicht nur wichtig zu wissen, was Menschen krank macht, sondern auch, was sie gesund erhält, obwohl sie Risiken und Belastungen ausgesetzt sind.
Wie gesund sind bzw. fühlen sich die Schweizerinnen und Schweizer?
Die schweizerische Gesundheitsbefragung 2022 zeigt ein differenziertes Bild: 85% der Bevölkerung schätzen ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein. Mehr als ein Drittel lebt mit einem dauerhaften Gesundheitsproblem, 38% der Frauen und 34% der Männer. Dieser Anteil steigt deutlich mit dem Alter an und ist bei Personen ohne nachobligatorische Ausbildung höher (42% vs. 34%).
Zum Thema psychische Gesundheit zeigen Daten aus dem OBSAN Bulletin 11/2024, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung psychisch stabil fühlt. Aber es gibt einen messbaren Anstieg bei Symptomen wie Niedergeschlagenheit und Depression, insbesondere bei jungen Erwachsenen. Die Mehrheit der Bevölkerung fühlt sich 2022 meistens glücklich und selten deprimiert. Dennoch sind mittelschwere bis schwere Depressionssymptome häufiger als 2017, vor allem bei jungen Personen. Knapp 8% der Schweizer Wohnbevölkerung liess sich in den letzten zwölf Monaten wegen psychischer Probleme behandeln. Der Anteil hat über die beobachteten Jahre stetig zugenommen.
Ist der Einfluss auf die Gesundheit im Privatleben oder im Arbeitsleben grösser?
Die zentrale Hebelwirkung liegt nicht entweder im Privatleben oder im Arbeitsleben – sondern dort, wo Menschen sich tagtäglich aufhalten. Gesundheitsförderung und Prävention versuchen die Zielgruppen deshalb in ihrer Lebenswelt zu erreichen, ihnen gesundheitsförderliche Angebote zu machen und gesunde Bedingungen in ihrer Lebenswelt zu schaffen. Bekannte Beispiele für Settings sind die Schule, der Arbeitsplatz, das Quartier, die Gemeinde oder Einrichtungen des Gesundheitssystems. Dabei wird unterschieden zwischen Interventionen, welche auf das Verhalten der Individuen abzielen, und solchen, welche die Verhältnisse in ihrer Lebenswelt verbessern. Je nach Lebensphase stehen unterschiedliche Settings mit unterschiedlichen Zielsetzungen im Vordergrund.
Welche Kernthemen treiben Sie bei Ihrer Arbeit als Leiterin Betrieb & Entwicklung BGM um?
Zusammen mit Multiplikator*innen engagieren wir uns bei Gesundheitsförderung Schweiz für die Stärkung der psychischen Gesundheit von Erwerbstätigen, indem wir Organisationen mit konkreten Hilfestellungen dabei unterstützen, ein gesundheitsförderliches Umfeld zu schaffen. Hierzu stellen wir den Betrieben Angebote zur Verfügung: beispielsweise unsere KMU-Angebote oder oder unser Angebot Apprentice Apprentice zur Förderung der psychischen Gesundheit von Lernenden mit der Zielgruppe Berufsbildungsverantwortliche.
Unser Ziel ist es, dass sich Betriebe in der Schweiz systematisch mit der Gesundheit ihrer Mitarbeitenden auseinandersetzen. Dabei unterstützen wir Sie mit der Job Stress Analysis, den BGM-Kriterien für die Umsetzung eines systematischen Gesundheitsmanagements im Betrieb sowie bei der Sichtbarmachung dieses systematischen Engagements mit dem Label Friendly Work Space.
Wie gut sind die Schweizer Unternehmen in puncto BGM aufgestellt?
Gemäss dem Monitoring Verbreitung BGM 2024 setzen rund 22% der Betriebe in der Schweiz mit mindestens zehn Mitarbeitenden Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) systematisch um, 49% tun dies mehrheitlich/wiederholt. Somit engagieren sich rund 71% der Betriebe aktiv für BGM. Werden nur die Betriebe mit mindestens 50 Mitarbeitenden betrachtet, sind es rund 76% (25% systematisch, 51% mehrheitlich/wiederholt). Gegenüber 2016 stellt dies eine tendenzielle Zunahme der Verbreitung von BGM in der Schweiz dar, seit 2020 ist die Verbreitung von BGM stabil.
In welchen Bereichen gibt es den grössten Nachholbedarf?
Optimierungsbedarf besteht bei der strategischen Verankerung und Steuerung von BGM, bei den konzeptionellen Grundlagen sowie bei finanziellen und personellen Ressourcen von BGM. Vermehrten Investitionsbedarf sehen die Betriebe – wie schon in den letzten Jahren – in Bezug auf die Sensibilisierung zu Stress und psychischer Gesundheit.
Welche Erfolgsfaktoren sind entscheidend für ein wirkungsvolles BGM, insbesondere in KMU?
Zwei Faktoren sind für den Erfolg besonders entscheidend:
- strategische Verankerung und Steuerung: BGM wirkt dann nachhaltig, wenn es an die Unternehmensstrategie angebunden ist und von der Geschäftsleitung
aktiv getragen und mitgestaltet wird. - Ressourcensicherung: Es braucht personelle und finanzielle Ressourcen, damit Massnahmen nicht punktuell bleiben, sondern langfristig umgesetzt und weiterentwickelt werden können. Diese Ressourcen sollen organisational verankert werden (eigenes Budget für BGM, Aufgabenbeschrieb BGM-verantwortliche Person und Definition der zur Verfügung stehenden Stellenprozente).
Inwieweit tragen Führungskräfte zur erfolgreichen Umsetzung bei?
Führungskräfte sind zentral für den Erfolg von BGM. Das Monitoring 2024 zeigt: BGM entfaltet seine Wirkung dann am stärksten, wenn es von der Geschäftsleitung unterstützt und durch Führungspersonen im Alltag gelebt wird. Führungskräfte tragen insbesondere bei zu der Verankerung von Gesundheitsthemen in der Unternehmenskultur, der Sensibilisierung für psychische Belastungen sowie der frühzeitigen Erkennung und Ansprache von Herausforderungen im Team.
BGM-Massnahmen sind kostspielig. Welche drei Tipps haben Sie für KMU mit kleinem Budget, die ein BGM aufbauen möchten?
Finden Sie heraus, wo der Schuh drückt. So können die vorhandenen Ressourcen gezielt dort eingesetzt werden. Auch mit begrenzten Mitteln lässt sich ein wirksames BGM aufbauen. Wichtig sind niederschwellige, praxisnahe Instrumente. Drei konkrete Tipps:
- Leadership-Kit nutzen: Das kostenlose Leadership-Kit bietet Führungspersonen einfache, umsetzbare Impulse zur Förderung der Gesundheit im Führungsalltag – etwa zur Stresswahrnehmung, Feedbackkultur oder Gesprächsführung.
- HR-Toolbox einsetzen: Die HR-Toolbox stellt Checklisten, Vorlagen und Leitfäden für zentrale HR-Prozesse bereit. Themen wie Rückkehrgespräche, Konfliktlösung oder Gesprächsführung sind sofort umsetzbar.
- Job-Stress-Analysis (JSA) durchführen: Mit der JSA steht den Betrieben ein fundiertes, wissenschaftlich gestütztes Instrument zur Verfügung, um psychische Belastungen im Betrieb zu erfassen und gezielt zu reduzieren – inklusive Auswertung und Handlungsempfehlungen.
ZUR PERSON
Noémi Swoboda (40) ist Arbeits- und Organisationspsychologin mit Weiterbildungen in Qualitäts- und Changemanagement. Sie arbeitet seit 10 Jahren bei Gesundheitsförderung Schweiz, wo sie heute das Team Betrieb und Entwicklung BGM leitet. Das Team ist verantwortlich für den Betrieb und die Weiterentwicklung von Angeboten zur Förderung insbesondere der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz.
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