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Experten-Interviews
Betriebliches Gesundheitsmanagement und Case Management: «Es braucht Vertrauen und Klarheit»
Frau Ingold, mit welchen Herausforderungen sind Sie als Leiterin Schadenabwicklung bei der Suva aktuell besonders konfrontiert?
Die grösste Herausforderung besteht darin, unterschiedliche Erwartungen in Einklang zu bringen. Wir bearbeiten jährlich rund 500 000 Schadenfälle. Verunfallte und versicherte Betriebe erwarten zu Recht, dass wir rasch und korrekt entscheiden sowie Leistungen zeitnah ausrichten. Gleichzeitig wünschen sie sich gerade in anspruchsvollen Situationen eine persönliche und umfassende Beratung. Unsere Dienstleistungen sollen dabei effizient und kostengünstig erbracht werden, um die Prämienbelastung möglichst tief zu halten. Hinzu kommen die Herausforderungen der Digitalisierung und des Fachkräftemangels. Prozesse müssen deshalb kontinuierlich weiterentwickelt werden – ohne dabei die persönliche Nähe zu den Verunfallten und den versicherten Betrieben zu verlieren.
Die Suva ist vielen vor allem als Unfallversicherung bekannt. Welche Rolle spielt sie heute darüber hinaus, wenn es um Prävention, Absenzenmanagement und Wiedereingliederung geht?
Die Suva ist mehr als eine Versicherung. Durch die Kombination von Prävention, Versicherung und Rehabilitation ist das «Modell Suva» einzigartig. Unsere Stärke liegt in diesem ganzheitlichen Ansatz, mit dem wir unsere Versicherten entlang des gesamten Prozesses begleiten – von der Prävention über die Schadenabwicklung bis zur erfolgreichen Wiedereingliederung. Gemeinsam mit den Betrieben reduzieren wir Risiken, verkürzen Ausfallzeiten und entwickeln nachhaltige Lösungen für Unternehmen und ihre Mitarbeitenden. So fördern wir gemeinsam eine Kultur der Sicherheit, Gesundheit und Verantwortung.
Wie hat sich die Schadenabwicklung bei der Suva in den letzten Jahren verändert?
Prozesse, die früher stark administrativ geprägt waren, können heute digital und strukturierter abgewickelt werden. Wir sind stärker vernetzt mit allen Beteiligten und können uns dadurch noch konsequenter auf unsere Kundinnen und Kunden fokussieren. So bieten wir beispielsweise mit mySuva einen Online-Service an, über den sich Verunfallte und Betriebe informieren, Dokumente einreichen oder mit uns kommunizieren können.
Die Digitalisierung ermöglicht es uns, effizienter zu arbeiten und Abläufe zu beschleunigen. Sie unterstützt unsere Mitarbeitenden, ersetzt aber nicht den persönlichen Kontakt. Denn der Mensch steht für uns stets im Zentrum. Gerade in anspruchsvollen Situationen braucht es individuelle und persönliche Betreuung.
Wie stellen Sie sicher, dass trotz Digitalisierung der persönliche Blick auf verunfallte Personen, Wiedereingliederung und Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber nicht verloren geht?
Durch die Digitalisierung gewinnen unsere Mitarbeitenden mehr Zeit für die persönliche Begleitung der Verunfallten. Gerade bei der Wiedereingliederung ist die individuelle Unterstützung entscheidend. Jeder Unfall und jede gesundheitliche Situation sind anders. Deshalb braucht es insbesondere in komplexen Fällen eine persönliche und auf die jeweilige Situation abgestimmte Betreuung. Gemeinsam mit den Betroffenen, den behandelnden Fachpersonen und den Arbeitgebenden entwickeln wir nachhaltige Lösungen.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist dabei die frühzeitige und koordinierte Zusammenarbeit aller Beteiligten. Je früher wir mit den Betroffenen und den Betrieben ins Gespräch kommen, desto besser können wir den Heilungsverlauf unterstützen und die Rückkehr an den Arbeitsplatz begleiten.
Unser Anspruch ist es, das Beste aus zwei Welten zu verbinden: die Effizienz und Geschwindigkeit digitaler Prozesse mit der Empathie, Erfahrung und persönlichen Nähe unserer Mitarbeitenden. Denn eine erfolgreiche Wiedereingliederung entsteht nicht durch Technologie allein, sondern vor allem durch Vertrauen, Verständnis und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit.
Kann und soll künstliche Intelligenz die Schadenabwicklung künftig unterstützen?
Wir setzen bereits heute Machine-Learning- Modelle ein. So werden aktuell über 80 Prozent der Taggeldleistungen automatisiert abgerechnet und ausbezahlt. Weitere Einsatzmöglichkeiten sehen wir beispielsweise bei der Zusammenfassung von Berichten, der Dokumentation von Gesprächen oder der Analyse von Zusammenhängen. Ziel ist es, unsere Mitarbeitenden administrativ zu entlasten, damit sie mehr Zeit für anspruchsvolle Fälle und die persönliche Betreuung haben.
Welche Kennzahlen im Zusammenhang mit Absenzen sollten Unternehmen im Auge behalten?
Wichtige Kennzahlen sind die Absenzquote, die durchschnittliche Absenzdauer und die Häufigkeit von Kurzabsenzen. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Anzahl der Absenzen, sondern auch das Erkennen von Mustern und möglichen Ursachen. Dabei müssen auch die betrieblichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Arbeitszeitmodelle, Schichtarbeit, Homeoffice-Regelungen oder betriebliche Absenzprozesse können die Kennzahlen wesentlich beeinflussen. Erst im jeweiligen Kontext lassen sich daraus die richtigen Schlüsse und geeignete Massnahmen ableiten.
ZUR PERSON
Barbara Ingold arbeitet seit über 20 Jahren bei der Suva. Ihre Laufbahn begann sie im Case Management am Standort Solothurn. In den folgenden Jahren übernahm sie verschiedene verantwortungsvolle Fach- und Führungsfunktionen. Seit 2022 leitet sie die Abteilung Schadenabwicklung. In dieser Funktion hat sie die digitale Transformation des Schadenmanagements massgeblich mitgestaltet. Barbara Ingold ist verheiratet und lebt in Luzern.
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