Experten-Interviews

März 2026

Arbeitswelt und HR der Zukunft: «Ich sehe eine Veränderung des Arbeitsethos»

Technologischer Fortschritt, demografischer Wandel, permanente Transformation: Die Arbeitswelt steht unter Dauerstrom. Was heisst das für HR? Im Titelinterview spricht Zukunftsforscher Joël Luc Cachelin über die Arbeitswelt von morgen, und wie sich Rollen und Erwartungen verschieben. Er zeigt auf, wie Menschen in einer digitalen Arbeitswelt relevant bleiben, welche Kompetenzen an Bedeutung gewinnen und wie HR als KI-Botschafter zum strategischen Taktgeber im organisationalen Wandel wird.

Von: Dave Husi   Teilen  

Dave Husi

Dave Husi ist Chefredaktor von personalSCHWEIZ.
Zuvor hat er bei einem Medien-Startup Gründerluft geschnuppert und war bei einem Fachverlag im Medizinbereich journalistisch tätig.

Arbeitswelt und HR der Zukunft

Bild © Joël Luc Cachelin

Wie wird sich die Arbeitswelt in den kommenden Jahren grundsätzlich verändern? Welche Szenarien erscheinen Ihnen plausibel?
Im Moment ist sehr viel Unsicherheit im System, sei es geopolitisch, ökologisch oder ökonomisch. Ich gehe deshalb davon aus, dass es zu wenig grundsätzlichen Veränderungen kommt und der Fokus auf dem Sparen, Vereinfachen beziehungsweise auf der Steigerung von Effizienz liegen wird. KI wird dieses Ziel durch Automatisierungen unterstützen. Eine Veränderung, die mir immer noch unterbeleuchtet erscheint, ist der demografische Wandel und damit die Verlängerung von Biografien. Ich gehe davon aus, dass die Alterung der Gesellschaft mittelfristig Aus- und Weiterbildung tangiert, aber auch viel grundsätzlicher die Arbeitskultur. Wir sollten uns häufiger die Frage stellen, wie eine Arbeitswelt aussieht, in der die Menschen 70 Jahre glücklich und gesund arbeiten können.

In welchen Bereichen könnte KI die Arbeitswelt besonders stark verändern – möglicherweise sogar komplett auf den Kopf stellen?
KI wirkt dort besonders stark, wo es viele Daten gibt. In Versicherungen, Banken und Verwaltungen kommt es zur Delegation von Arbeit an KI. Im Kreativbereich, in der Wissenschaft und im Gesundheitswesen wachsen dagegen menschliche und maschinelle Arbeitsleistungen in den nächsten Jahren noch näher zusammen. Ein Auf-den-Kopf-Stellen erwarte ich nirgends. Erstens weil die digitale Transformation lange vor KI begonnen hat, und zweitens, weil Organisationen lange brauchen, um sich zu verändern – sei es, um die Daten zur Verfügung zu stellen oder um Stellen und Berufsbilder beziehungsweise Führungsgrundsätze zu ändern.

Werden wir in Zukunft weniger, mehr oder schlicht anders arbeiten?
Grundsätzlich anders. Ich sehe KI nicht als absoluten Gamechanger, aber sie fügt sich in die Veränderungen der digitalen Transformation ein, die wir seit 15 Jahren erleben. Für Wissensarbeitende heisst dies, dass sich ihre Arbeitsformen und -instrumente weiter verändern, genauso wie das bereits das Aufkommen von Bürosoftware in den 1980er-Jahren getan hat oder in jüngerer Zeit Suchmaschinen, Wikis, Social Media und Kollaborationsplattformen.

Ich gehe aber von einer Polarisierung der Wissensarbeit aus. Hoch qualifizierte und technologieaffine Mitarbeitende profitieren überdurchschnittlich von KI, weil sie noch mehr Wertschöpfung erbringen können. Je besser ich KI in meinen Alltag integriere, desto höher wird mein Output, desto besser wird meine Qualität. Und diese Qualitätssteigerung wird sich zeigen im Vergleich zu solchen Mitarbeitenden, die das nicht tun. Damit möchte ich nicht sagen, dass KI nur positiv wirkt. Auf Instagram oder LinkedIn gibt’s mittlerweile so viel Schrott und viel mittelmässigen, langweiligen Content, was vielleicht noch schlimmer ist.

Ausserdem sehe ich natürlich eine Veränderung des Arbeitsethos, der weit in die Gesellschaft hineinreicht. Teilzeit wird immer mehr zum Standard, in der Schweiz sind es bereits 60 Prozent der Bevölkerung, die mehr Zeit für sich und das Private wollen, Tendenz insbesondere bei jungen Männern stark steigend. Ich kann mir auch vorstellen, dass die gegenwärtige Multikrise zu einem neuen Biedermeier führt, bei dem wir uns noch mehr in das Intime, das Familiäre, gewissermassen in das Hof- und Heimleben zurückziehen. Statt der Arbeit und Karriere rücken unsere Tiere, das Handwerken und gemeinsames Essen in den Vordergrund.

Wie können wir sicherstellen, dass der Mensch trotz technologischem Fortschritt relevant bleibt?
Ich mache mir keine Sorge, dass der Mensch in der zukünftigen Arbeitswelt noch relevant sein wird. Menschen haben Lust, mit Menschen zu interagieren, und die meisten möchten auch nicht, dass Maschinen vollständig über ihre Leben entscheiden.

Welches Zukunftsbild von Arbeit inspiriert Sie persönlich – und welches macht Ihnen eher Sorgen?
Mich inspirieren Arbeitswelten, die sich an den Prinzipien der Healing Architecture orientieren, also Büros, die unsere Gesundheit positiv beeinflussen. Es geht hier um Architektur, aber auch um Atmosphären. Ich finde es auch spannend, wenn mehrere Unternehmen Dinge teilen, seien es Arbeitsräume, Daten oder Mitarbeitende. Umgekehrt machen mir alle Trends Sorgen, die von einem konservativen Denken geprägt sind und sich gegen ein nachhaltigeres Wirtschaften richten.

Wenn einzelne Mitarbeitende künftig mithilfe von KI sehr viel Wertschöpfung eines Unternehmens abdecken können, welche Aufgaben oder Rollen bleiben für alle anderen?
Ich vertrete seit dem Beginn der digitalen Transformation die Sanduhr-These, also dass die Digitalisierung und KI dazu führen, dass die Anzahl Jobs mit mittlerem intellektuellem Anspruchsniveau abnimmt. Es wird in Zukunft Arbeit für sehr kreative und intelligente Menschen geben, aber auch solche, die wenig Intellekt und Vorbildung voraussetzen, etwa in der Reinigung. Ausserdem ist offensichtlich, dass eine alternde Gesellschaft mehr Pflege braucht. In beiden Fällen ist es letztlich eine soziale und gesellschaftliche Frage, wie wir diese anderen Jobs entschädigen.

Welche unbequeme Wahrheit über unsere eigene Arbeitsweise legt KI gerade offen?
Dass der Einsatz von KI eine Gesellschaft nicht intelligenter macht. Dass mittelmässige Wissens- und Kreativarbeit problemlos durch KI ersetzt werden kann. Dass der Einsatz von KI zur Nivellierung der Leistung aber auch der Kreativität in der Mitte führt. Verkürzt: Alles wird ein wenig besser, aber auch langweiliger.

Wie verändert sich die Rolle von HR, wenn Arbeitswelten digitaler, verteilter und datenbasierter werden?
Einerseits entstehen Rollen in der Nähe von IT. Dann agiert HR sehr datenorientiert und KI-unterstützt, etwa bei der Rekrutierung. Andererseits entstehen beziehungsweise florieren Rollen und Aufgaben in Themen, die nichts direkt mit Daten und KI zu tun haben. Hier denke ich an die Kulturentwicklung oder das Gestalten von Räumen im Sinne der Healing Architecture. Auch in der kritischen Nutzung von digitalen Hilfsmitteln sehe ich Rollen, sei es in der Konzeption von Weiterbildungen oder der Stärkung der Selbstreflexion im Umgang mit dem Digitalen.

Was müsste passieren, damit HR im Unternehmen an Relevanz verliert – oder ganz ersetzt wird?
Eine Geschäftsleitung, die den Wert von HR nicht erkennt. Ein HR, das nicht von Personen geführt wird, die über strategisches Denken, Datenaffinität und Leadership verfügen.

Was müsste HR heute radikal anders machen, um in zehn Jahren noch relevant zu sein?
Mir scheint wichtig, in Produkten zu denken: Was kann ich den Mitarbeitenden, den Führungskräften und der Organisation anbieten, das einen grossen Wert hat? Damit ist eine zweite Frage eng verknüpft: Wie kann ich diese Produkte bestmöglich verkaufen und branden, also als etwas Relevantes und Spannendes darstellen? Wie gerade beschrieben, ist auch die Besetzung der HR-Position essenziell. Weiter sollte HR KI nicht als Feind verstehen.

ZUR PERSON
Joël Luc Cachelin (1981) gehört zu den führenden Zukunftsforschenden der Schweiz. 2009 gründete er die Wissensfabrik, um Unternehmen in Zukunftsfragen zu inspirieren, forschend zu begleiten und zu beraten. Er hat in St.Gallen Betriebswirtschaftslehre und zwanzig Jahre später in Luzern Geschichte studiert. Zusammen mit zwanzig Hühnern und zwei Katzen wohnt er in und um eine ehemalige Fabrik. Sein aktuelles Buch setzt sich mit der gesellschaftlichen Dimension von KI auseinander («Update_25 – Wie Künstliche Intelligenz gesellschaftlichen Wandel anstösst», Stämpfli).

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Lesen Sie das ganze Gespräch in der aktuellen Printausgabe.

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