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Zukunfts!mpuls - von Daniel C. Schmid: TikTok gegen die Aufklärung?

In der neuen Kolumne "Zukunfts!mpuls" beleuchtet der Management- und Leadership-Experte Daniel C. Schmid die gesellschaftlichen Folgen technologischer Entwicklungen und eröffnet Raum für neue Denkansätze. In der aktuellen Ausgabe macht er sich Gedanken über unsere Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten und die Formbarkeit unseres Gehirns. Die Kolumne erscheint zweimonatlich in personalSCHWEIZ.

Von: Daniel C. Schmid   Teilen  

Dr. Daniel C. Schmid

Dr. Daniel C. Schmid ist CEO des ZfU Zentrum für Unternehmungsführung AG und seit über 20 Jahren als Management- und Leadership-Experte tätig. In seiner Kolumne beleuchtet er Zukunftsthemen, die Unternehmen und Führungskräfte bewegen.

Zukunfts!mpuls - von Daniel C. Schmid

Unlängst hatte ich das Vergnügen, mich beim Kaffee mit unserem langjährigen Top-Referenten, Prof. Dr. Lutz Jäncke, auszutauschen. Lutz Jäncke ist nicht nur ein renommierter Neurowissenschaftler und Psychologe, der sich seit Jahrzehnten mit dem Gehirn des Menschen und dem Verhalten wissenschaftlich beschäftigt, sondern ebenfalls ein aufmerksamer Zeitgenosse, der die Auswirkungen von Social Media auf die menschliche Kognition kritisch beobachtet.

Durch TikTok, Snapchat und Co. gerät der klassische Dreiklang der Dialektik der Aufklärung, der aus These, Antithese und Synthese besteht, ernsthaft ins Wanken. Gerade Jugendliche gleiten mit zunehmender Bildschirmzeit in eine Bubble aus gleichgesinnten Meinungen, die letztlich in eine «Wir gegen sie»-Optik münden kann und jede Auseinandersetzung mit anderen Positionen erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht. Was tun?

Die Versuchung ist gross, die Verantwortung allein bei den Plattformen zu suchen. Tatsächlich leben deren Algorithmen von Aufmerksamkeit, Zuspitzung und emotionaler Reaktion. Differenzierung verkauft sich schlechter als Empörung. Wer laut ist, gewinnt Reichweite; wer zuhört, verschwindet im Strom der Inhalte. Doch damit greift die Kritik zu kurz. Denn Technologie allein erklärt noch keine gesellschaftliche Entwicklung. Entscheidend bleibt der Umgang mit ihr.

Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung unserer Zeit deshalb weniger im Zugang zu Informationen als vielmehr in der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Demokratie lebt nicht davon, dass alle derselben Meinung sind, sondern davon, dass unterschiedliche Ansichten friedlich nebeneinander bestehen und argumentativ ausgehandelt werden können. Genau diese Fähigkeit scheint zunehmend unter Druck zu geraten.

Besonders bedenklich ist dabei die Geschwindigkeit. Meinungen entstehen heute oft im Sekundenrhythmus. Für Reflexion, Zweifel oder gar einen Perspektivenwechsel bleibt wenig Raum. Wer permanent konsumiert, verliert leicht die Fähigkeit zur inneren Distanz. Die Folge ist nicht nur Polarisierung, sondern auch geistige Ermüdung.

Die Antwort darauf kann kaum in Verboten liegen. Vielmehr braucht es Räume, in denen ein echtes Gespräch wieder möglich wird: in Familien, Schulen, Unternehmen und Universitäten. Kritisches Denken entsteht nicht durch moralische Belehrung, sondern durch Begegnung mit anderen Sichtweisen. Vielleicht müssten wir jungen Menschen deshalb weniger beibringen, was sie denken sollen, sondern vielmehr, wie man denkt, hinterfragt und argumentiert.

Am Ende unseres Gesprächs sagte Lutz Jäncke einen bemerkenswerten Satz: Das Gehirn sei formbar, aber nicht beliebig. Darin steckt Hoffnung. Denn wenn digitale Gewohnheiten unser Denken verändern können, dann können bewusste Gegenbewegungen dies ebenfalls. Die vielleicht wichtigste Kompetenz der Zukunft ist daher nicht künstliche Intelligenz, sondern menschliche Urteilskraft: Denn das Gehirn hat keine «Control+Z»-Taste!

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