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Wie künstliche Intelligenz die Personalarbeit verändert: «Personalverantwortliche sind die Choreografen der KI-Transformation»

Unternehmen treiben die Integration von künstlicher Intelligenz voran. Veronica Melian und Marc Beierschoder vom Beratungsunternehmen Deloitte Schweiz erklären, welche Auswirkungen die Technologie auf die Zusammenarbeit hat — und wie sie die Rolle der Human-Resources-Abteilungen verändert.

Von: Dave Husi   Teilen  

Dave Husi

Dave Husi ist Chefredaktor von personalSCHWEIZ.
Zuvor hat er bei einem Medien-Startup Gründerluft geschnuppert und war bei einem Fachverlag im Medizinbereich journalistisch tätig.

Wie künstliche Intelligenz die Personalarbeit verändert

Künstliche Intelligenz gilt als «Jobkiller». Wie gross ist die Angst vor KI in der Schweizer Bevölkerung?
Veronica Melian: Die Mehrheit der Menschen in der Schweiz steht der Technologie grundsätzlich positiv gegenüber. Unsere Studien zeigen, dass zwei Drittel KI bereits im Arbeitsalltag nutzen. Trotzdem existiert eine unterschwellige Sorge: 

Viele fragen sich, wie sich ihr Job verändern wird, nicht ob. Und das ist ein wichtiger Unterschied – es geht weniger um Angst, sondern um Orientierung.

Sind diese Sorgen berechtigt?
Marc Beierschoder: KI wird gewisse Tätigkeiten verändern – aber sie ersetzt keine Menschen über Nacht. Das Narrativ vom «Jobkiller» ist zu einfach. KI ist kein Gegner, sondern ein Verstärker menschlicher Fähigkeiten. Entscheidend ist, ob Unternehmen den Mut haben, die Technologie bewusst zu gestalten. Wer sie nur zulässt, ohne sie zu verstehen, wird von ihr überrollt. 

Veronica Melian: Und wer Angst abbauen will, muss ehrlich kommunizieren. Unternehmen sollten Mitarbeitenden Zugang zu getesteten KI-Programmen geben. Vertrauen entsteht nicht durch Tools, sondern durch Transparenz und Akzeptanz. Das ist eine Führungsaufgabe – und eine neue Rolle für das HR.

Wo stehen Schweizer Unternehmen mit der Integration von KI?
Marc Beierschoder: International ist die Schweiz solide unterwegs, aber nicht führend. In den USA und Asien entstehen ganze KI-Ökosysteme. Hierzulande sehen wir Fortschritte vor allem in IT, Marketing und Cybersicherheit. Aber der Durchbruch gelingt nur, wenn Unternehmen begreifen: KI ist kein IT-Projekt, sondern ein Organisationsprojekt. Der kulturelle Umbau ist das eigentlich Schwierige.

Was kann die Technologie für die HR-Abteilung leisten?
Veronica Melian: Am häufigsten wird KI bisher in der Rekrutierung eingesetzt. KI-gestützte Tools können zum Beispiel Lebensläufe mit dem Stellenprofil abgleichen. Auch Video-Interviews werden vermehrt mithilfe von KI durchgeführt – obwohl ich überzeugt bin, dass sich das Bauchgefühl und die Erfahrung der Recruiter nicht mit Technologie ersetzen lassen. Grosses Potenzial sehe ich in der Administration. Die Automatisierung von Routineaufgaben ist eine Chance für uns. HR-Teams werden entlastet und können sich vermehrt der Entwicklung, Kultur und strategischen Personalplanung widmen.

Marc Beierschoder: Genau hier sehe ich den Wandel der HR-Rolle. Das HR wird künftig viel stärker zur Steuerzentrale für technologische Veränderung. Wenn das HR nicht versteht, wie die KI Entscheidungen beeinflusst, verliert die Funktion an strategischer Relevanz. Wir sehen einen grundlegenden Wandel: weg vom administrativen Support, hin zu einem echten Businesspartner, der Daten, Technologie und Empathie verbindet.

Die Forderung, HR müsse zum strategischen Businesspartner werden, ist also aktueller denn je?
Veronica Melian: Absolut. KI zwingt HR aus der Komfortzone. Wer nur noch verwaltet, verliert. Wer aber versteht, wie Technologie Zusammenarbeit, Kompetenzmodelle und Führung verändert, kann den Wandel aktiv gestalten. Der Mensch bleibt im Zentrum – aber in einer völlig neuen Dynamik.

Kann KI auch das Talentmanagement unterstützen?
Veronica Melian: Ja, auf vielfältige Weise. Datenbasierte Analysen können helfen, Talente zu erkennen, Karrierepfade vorherzusagen oder Weiterbildungsbedarfe frühzeitig sichtbar zu machen. Aber: Ohne menschliche Interpretation bleiben auch die besten Modelle blind. Daten liefern Muster – Entscheidungen erfordern Kontext, und dieser bleibt einzig und allein dem Menschen vorbehalten.

Wie schnell lassen sich mit KI-Projekten Erfolge erzielen?
Marc Beierschoder: Das hängt stark vom Reifegrad eines Unternehmens ab. Grosse KI-Programme lohnen sich nur, wenn sie klar abgegrenzt und sauber orchestriert sind. Ein gutes Beispiel: Wir haben bei einem Schweizer Kunden eine Arbeitsplattform aufgebaut, die mehrere Teams und Prozesse über KI-Agenten vernetzt. Das ist keine simple Automatisierung – das ist eine neue Form der digitalen Zusammenarbeit. Allein dadurch konnten über CHF 50 Mio. pro Jahr eingespart werden. Das zeigt: Der Hebel liegt nicht in der Technologie, sondern in der Architektur, wie man sie einbettet.

Was bedeutet das für die Zusammenarbeit?
Veronica Melian: Solche Projekte verändern die Art, wie Menschen Vertrauen und Zugehörigkeit erleben. Wenn KI plötzlich Informationen bereitstellt und basierend darauf Entscheidungen getroffen werden müssen, lautet die entscheidende Frage: Vertraue ich den Daten? Wir dürfen unser kritisches Denken nicht aufgeben; denn die Verantwortung bleibt bei uns – Verantwortung und Nachvollziehbarkeit müssen immer beim Menschen bleiben.

Wo sehen Sie bei solch komplexen Projekten die Aufgaben der HR-Abteilung?
Veronica Melian: Personalverantwortliche sind die Choreografen der KI-Transformation. Mit KI verschwimmen Rollenbilder, Aufgaben werden fluid. Führung bedeutet künftig, Unsicherheit zu moderieren – nicht Kontrolle auszuüben. Das HR muss erklären, wie KI wirkt, wo ihre Grenzen liegen und wie Vertrauen in dieser neuen Arbeitsrealität entsteht.

Und wann wird KI zum Bumerang? 
Marc Beierschoder: Wenn Effizienz zum Selbstzweck wird. Wir erleben das Phänomen des «Workslop»: Immer häufiger zirkulieren schlechte, unreflektierte KI-Outputs, die niemand mehr überprüft. Das demotiviert, kostet Zeit und gefährdet Sicherheit. KI kann Kultur verschlechtern, wenn sie unreflektiert eingesetzt wird. Technologiekompetenz ist also nicht Luxus – sie ist Überlebensfaktor.

Wie lassen sich die Risiken eindämmen? 
Marc Beierschoder: Unternehmen brauchen klare KI-Governance. Wer keine Regeln aufstellt, wird von Schatten-IT und privaten Tools überrollt. Es reicht nicht, Richtlinien zu schreiben – man muss Nutzungsszenarien definieren und Verantwortlichkeiten festlegen. Führungskräfte müssen KI verstehen, bevor sie sie freigeben. 

Veronica Melian: Genau. Aus HR-Sicht entscheidet sich Attraktivität des Unternehmens künftig auch an der Reife im Umgang mit KI. Mitarbeitende wollen wissen, dass ihr Arbeitgeber verantwortungsvoll damit umgeht – nicht nur effizient. Wer Vertrauen verliert, verliert Talente.

Die Interviewten im Porträt

Veronica Melian ist Chief People Officer und Human Capital Partner bei Deloitte Schweiz.
Marc Beierschoder ist Leiter AI & Data und Technology & Transformation Partner bei Deloitte Schweiz.

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