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Kolumne «Einfach gedacht»: Das Arbeitszeugnis als höflicher Lügenbrief?
Nach meiner fristlosen Kündigung vor elf Jahren ging alles ganz schnell: Handy abgeben, Laptop dalassen und raus aus dem Büro. Nur auf eines wartete ich wochenlang: mein Arbeitszeugnis.
Irgendwann hielt ich es in der Hand. Und las. Und las noch einmal. Ich fragte mich: Soll das wirklich ich sein? Da stand nichts von meinen übertroffenen Zielen drin. Auch nichts davon, dass ich erfolgreich den Quereinstieg geschafft hatte – ohne saubere Einarbeitung oder Fachkenntnisse im sozialen Umfeld.
Das Arbeitszeugnis ist in der Schweiz gesetzlich verankert. Jede angestellte Person hat Anspruch darauf – auf ein «wohlwollendes» und gleichzeitig «wahrheitsgemässes» Zeugnis. Klingt nach einem fairen Deal. Ist es aber oft nicht.
Denn es existiert eine Geheimsprache, die nach aussen harmlos wirkt und innen giftig ist. «Hat die übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit erledigt» klingt solide, meint aber: knapp genügend. «Stets bemüht» ist der Killer. Was sich zuvorkommend liest, drückt aus, was man schreiben kann, ohne technisch zu lügen. Viele Betroffene lesen ihr Zeugnis, finden es gut und ahnen gar nicht, was da wirklich drinsteht. Und alle tun so, als wäre das normal.
Mich macht das wütend. Besonders in Fällen wie diesen: Du hast zehn Jahre Topleistung abgeliefert. Dann kommt ein neuer Vorgesetzter. Es hakt. Du wirst entlassen und hältst plötzlich ein Papier in den Händen, das deine nächste Stelle gefährdet. Damit nicht genug: Wenn es ganz unglücklich läuft, bekommst du für das miese Arbeitszeugnis, das eine eigenverschuldete Kündigung belegt, Einstelltage beim Arbeitsamt. Denn das RAV entscheidet auf Basis, was im Arbeitszeugnis steht, ob du unfreiwillig bis zu zwei Monate warten musst, bis du dein Arbeitslosengeld erhältst.
Am Ende liest das Ding doch kaum jemand ernsthaft. Laut einer Studie im Rahmen des Projekts «Arbeitszeugnis 2.0» werden rund 80% aller Schweizer Arbeitszeugnisse aus standardisierten Textbausteinen gebaut. Für beide Seiten ein Aufwand, der im Pingpong über Formulierungen endet – oder im monatelangen Warten, während die betroffene Person längst in der Jobsuche steht und ohne Zeugnis benachteiligt ist.
Das Arbeitszeugnis gehört in seiner heutigen Form abgeschafft. Ein Dokument, das codiert ist, von Stimmungen abhängt und niemanden wirklich schützt, hat in einer modernen Arbeitswelt nichts verloren. Was es braucht? Den Mut, ein Relikt aus dem Industriezeitalter endlich loszulassen und mit einer HR-Tech-Innovation, die Arbeitsleistung für alle fair bewertet, zu ersetzen.
«Einfach gedacht» ist die regelmässige Kolumne von Selma Kuyas. Diese Folge ist in der Juni-Ausgabe 2026 erschienen.
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