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Kolumne «Einfach gedacht»: Gehaltstransparenz im Berner Tempo?
Ich bin Bernerin. Das bedeutet: Ich spreche langsamer als der Schweizer Durchschnitt, gehe gemächlicher und nenne das nicht Langsamkeit, sondern Lebensqualität. «Nid jufle» – hatte meine Grossmutter immer gesagt, besonders beim Dessertessen. Ich bin stolz auf diese Gemütlichkeit. Das fällt mir immer wieder auf, wenn ich als Exil-Bernerin die Bahnhofsstrasse in Zürich entlangschlendere. Da wuselt es nur so von gestressten Gesichtern.
Was mich weniger stolz macht, ist, wenn diese Gemütlichkeit in der Politik auftaucht. Beispiel Frauenstimmrecht: Die Schweiz hat es erst 1971 eingeführt – das sind Jahrzehnte nach den meisten anderen Ländern. Als Vergleich: In Neuseeland durften Frauen bereits 1893 an der Urne abstimmen. Noch tragischer: Appenzell Innerrhoden kam nicht mal selbst auf die Idee des Frauenstimmrechts. Das Bundesgericht musste 1990 nachhelfen. Zur Abwechslung waren wir Berner einmal nicht die Letzten.
Jetzt schreiben wir 2026. Die EU-Richtlinie zur Gehaltstransparenz ist am 8. Juni in Kraft getreten. Die Richtlinie gibt vor, dass Lohnbandbreiten ausgewiesen werden müssen, dass die Frage nach dem bisherigen Gehalt verboten ist und Mitarbeitende ein Auskunftsrecht über vergleichbare Löhne erhalten. Und wir Schweizer? Wir schauen wie so oft einfach zu.
Ich finde das «himmutruurig» – anders kann ich es gar nicht ausdrücken. Dabei wäre es so einfach. Wer weiss, was Kolleginnen und Kollegen verdienen, merkt, ob er fair bezahlt wird. Und wer das merkt, kann das Gespräch führen und nachverhandeln.
Die Schweiz wird die Gehaltstransparenz irgendwann einführen müssen. Wahrscheinlich dann, wenn der Druck von aussen gross genug ist. Bis dahin – nume nid jufle, Schweiz. Aber ein bisschen Züri- Tempo wäre schon angebracht.
«Einfach gedacht» ist die regelmässige Kolumne von Selma Kuyas. Diese Folge ist in der Juli/August-Ausgabe 2026 erschienen.
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