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Kinderwunsch: Tabuisierte Abwesenheiten am Arbeitsplatz
Zwischen der Lebensrealität vieler Frauen und dem Umgang mit dem Thema in Unternehmen besteht noch immer eine grosse Lücke. Dies zeigt eine von Simone Deubelbeiss durchgeführte Studie, an welcher rund 450 betroffene Personen mit Kinderwunsch aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teilnahmen. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Unternehmen sind gefordert, sensiblen Gesundheitsthemen im Berufsalltag mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Gleichzeitig sind sich alle Teilnehmenden der Unternehmensbefragung einig, dass mehr Offenheit bei sensiblen Themen die Motivation, das Vertrauen und die Mitarbeitenden-Bindung stärken würde.
Kinderwunsch fällt in wichtige Karrierejahre
Die Phase des Kinderwunsches überschneidet sich häufig mit einer entscheidenden Phase im Berufsleben. Während Frauen ihre Karriere aufbauen, Weiterbildungen absolvieren oder Führungsverantwortung übernehmen, stellt sich oft gleichzeitig die Frage nach der Familiengründung. In der Schweiz bekommt eine Frau durchschnittlich 1,3 Kinder. Dies zeigt, dass sich viele Mitarbeitende mit dem Thema Vereinbarkeit Beruf, Kinderwunsch und Familienplanung auseinandersetzen.
«Kinder zu bekommen ist keine Ausnahme, sondern gesellschaftliche Realität. Wer Familiengründung als planbare Lebensphase statt als Störfaktor betrachtet, schafft Vorteile für Mitarbeitende und Unternehmen gleichermassen.»
Die Familiengründung wird häufig als privates Thema betrachtet. Die Realität ist jedoch eine andere. Weltweit ist rund jede sechste Person im reproduktiven Alter von Unfruchtbarkeit betroffen. Kinderwunsch, Schwangerschaft und Fruchtbarkeitsbehandlungen finden darum nicht ausserhalb des Berufslebens statt, sondern parallel dazu. Arzttermine, hormonelle Behandlungen, operative Eingriffe oder Schwangerschaftsverluste werden in den meisten Fällen von Frauen körperlich getragen und lassen sich nicht einfach auf ein Wochenende verschieben.
Besonders die Kinderwunschphase bleibt häufig unsichtbar: In der Umfrage gaben 93 Prozent der Befragten an, aufgrund von Arztterminen, medizinischen Behandlungen, Fehlgeburten oder psychischen Belastungen bereits mehr als einmal bei der Arbeit ausgefallen zu sein. Fast die Hälfte fehlte sogar mehr als zehnmal im Zusammenhang mit ihrem Kinderwunsch.
Trotzdem sprechen viele Betroffene am Arbeitsplatz nicht darüber. Rund 67 Prozent der Befragten erleben den Kinderwunsch in ihrem Unternehmen als tabuisiert. Gleichzeitig wünschen sich 83 Prozent, dass das Thema offen angesprochen werden kann. Dies zeigt, wie gross die Diskrepanz zwischen der Lebensrealität vieler Frauen und dem Umgang mit dem Thema in Unternehmen noch immer ist.
Angst vor Karrierenachteilen führt zum Schweigen
Besonders alarmierend: 87 Prozent der Befragten befürchten Karrierenachteile, wenn sie ihren Kinderwunsch offen kommunizieren. Viele verschweigen Arzttermine, Fruchtbarkeitsbehandlungen oder psychische Belastungen und greifen stattdessen auf Krankmeldungen oder alternative Erklärungen für ihre Abwesenheiten zurück.
Die Folgen zeigen sich direkt in der beruflichen Entwicklung:
- 85 Prozent sind überzeugt, dass die Tabuisierung des Kinderwunsches berufliche Entscheidungen beeinflusst.
- 60 Prozent verzichten während der Kinderwunschphase auf einen Stellenwechsel.
- 90 Prozent berichten von einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit aufgrund der Belastungen rund um den Kinderwunsch.
«Die Frage ist nicht, ob tabuisierte Themen am Arbeitsplatz vorkommen, sondern wie Unternehmen damit umgehen.»
Hohe psychische Belastung der Betroffenen
Die Ergebnisse zeigen deutliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Am häufigsten genannt werden emotionale Erschöpfung, Stress, Stimmungsschwankungen, Isolation, Schlafprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten. Viele Frauen erleben die Kinderwunschphase als Doppelbelastung zwischen privaten Herausforderungen und beruflichen Erwartungen.
Die Mehrheit der Befragten ist überzeugt, dass eine offenere Unternehmenskultur zu einer spürbaren Entlastung beitragen würde. Rund 80 Prozent glauben, dass eine offene Kommunikation ihre Leistungsfähigkeit verbessern könnte.
«Wer generell seine Situation nicht verbergen muss, kann Energie für die eigentliche Herausforderung einsetzen, statt zusätzlich Kraft für Erklärungen, Ausreden oder das Verstecken persönlicher Belastungen aufzuwenden.»
Zeit für ein Umdenken
Kinderwunsch ist nur eines von vielen Themen, die Mitarbeitende häufig für sich behalten. Ob Fehlgeburt, Menopause, psychische Belastung oder andere sensible Themen, sie alle können Auswirkungen auf Gesundheit, Wohlbefinden und Arbeitsalltag haben. Moderne Unternehmen erkennen diese Realität an und schaffen Rahmenbedingungen, die den Menschen nicht trotz, sondern mit seinen Lebensphasen erfolgreich arbeiten lassen.
Unternehmen können aktiv gegen tabuisierte Themen unterstützen
Menschen, die mit tabuisierten Lebensthemen konfrontiert sind, wünschen sich vor allem Verständnis, Vertrauen und passende Rahmenbedingungen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Unterstützungsbedürfnisse häufig unabhängig vom konkreten Thema sind. Viele der vorgeschlagenen Massnahmen lassen sich deshalb nicht nur auf den Kinderwunsch, sondern auch auf andere sensible Lebenssituationen übertragen.
- Sensibilisierung von Führungskräften für sensible Lebensthemen
- Förderung von psychologischer Sicherheit und Vertrauen
- Offene Kommunikation über Frauengesundheit entlang aller Lebensphasen
- Flexible Arbeitszeitmodelle und Remote-Möglichkeiten
- Vertrauliche Anlauf- und Beratungsstellen
- Flexible Regelungen bei medizinisch bedingten Abwesenheiten
Autorin
Simone Deubelbeiss ist die Autorin der ausgezeichneten Masterarbeit. Sie ist Präventionsberaterin und Spezialistin Absenzen und Gesundheit bei der Suva.
